"Was muß sich die Zensur denken"

Wittgenstein, Ludwig, Philosoph (1889-1951). Eigenh. Brief mit U. ("Ludwig")

Trinity College, Cambridge, 4. II. 1947.

2 SS. 8vo.

 16.000,00

Unveröffentlichter Brief an seine Schwester Helene Salzer, geb. Wittgenstein: "Helenchen, mein Onkel! (Was muß sich die Zensur denken!). Ich habe vor einiger Zeit Deinen lieben Brief vom 10. Februar erhalten. So seltsam es klingt, ich wünschte, Du könntest bald nach Wien ziehen. Ich weiß, wie viele Nachteile das haben wird - oder ich kann doch etwas davon ahnen - aber es wäre doch ein gutes Gefühl, Dich wieder zu Hause zu wissen.

Ich habe lange keine Musik mehr gehört. Gerne möchte ich wieder Schumann Quartette hören. Neulich fiel mir der Anfang des einen ein - die Introduktion - & ich war sehr entzückt. Leider spielt zwei Stockwerke unter meinen Zimmern jemand Klavier & ich werde von dem elenden Geklimper (meist Beethoven) sehr gestört. Seltsamerweise hindert es mich manchmal geradezu am Atmen; es ist ein abscheuliches Gefühl. 'Es stinkt Musik herauf' hat der Labor gesagt, aber ein wirklicher Gestank wäre mir weit lieber.

Die Kälte hier hat nachgelassen, aber bei Euch ist sie gewiß noch furchtbar. Möchtest Du und Mining gesund bleiben. Grüß Alle, & und sei herzlichst gegrüßt.

Dein Dich liebender Bruder Ludwig".

Mit Zensurstempel.

Nicht bei B. McGuinness, R. Schweizer (Hg.), Wittgenstein. Eine Familie in Briefen, Innsbruck und Wien, 2018.

Art.-Nr.: BN#51988 Schlagwörter: ,