Mit Marginalien zur Heuschreckenplage

Pilarik, Stephan. Neuvermehrter, von der Hochlöblichen Theologischen Facultät zu Wittenberg censirter, approbirter und recommandirter auch mit 35 schönen Kupfferstücken gezierter Catechetischer Lehr-Grund [...].

Budissin (Bautzen), Andreas Richter, 1693.

76, (4), 824 (falsch: 822), (24) SS. Mit gest. Porträtfrontispiz (von M. Bodenehr nach A. Batlowsky) und 36 gest. Tafeln (davon 1 gefalt.). Lose beiliegend Anhang: SS. 519-542 "gehörig zur p. 518" sowie ein anderes gest. Portrait. Pergamentband der Zeit mit goldgepr. Rückentitel ("Pilarik. Catechet. Grund. Lehr. Vnd. Schvp. Svnd. Rohll."). Dreiseitiger eingefärbter Schnitt. 8vo.

 3.500,00

Sehr seltene dritte Ausgabe von Stephan Pilariks Katechismus: das zweite bekannte Exemplar überhaupt, neben jenem in der Széchenyi-Nationalbibliothek in Budapest (Signatur RMK III. 3787). Stephan Pilarik der Jüngere (1644-1720), Sohn des gleichnamigen ungarischen Theologen István Pilarik (1615-93) und wie dieser protestantischer Exulant in der Lausitz, wirkte in Ungarn, Schlesien und Sachsen als Pfarrer und war Substitut seines Vaters, bevor er 1695 Pfarrer in Klein-Röhrsdorf wurde. Sein "Höchst-nöthiger, nützlicher und in mancherley Anfechtungen bestehender catechetischer Lehr-Grund" erschien erstmals 1681, dann abermals 1687 bei Johann Christoph Jacob in Brieg (Brzeg). Eine vierte und fünfte Ausgabe sollten noch 1714 und 1717 bei Schwencke in Dresden folgen. Das lange autobiographische Vorwort ("Historische Zuschrifft") zu der vorliegenden, überaus seltenen dritten Ausgabe ist datiert am 10. November 1693, nur neun Monate nach dem Tode von Pilarik senior. Darin berichtet der Autor unter anderem von einer Heuschreckenplage, die er 1685 im ungarischen Modor (heute Modra in der Slowakei) erlebt hat. Das dazugehörige Faltkupfer ist umfangreich vom zeitgenössischen Eigentümer des Bandes annotiert worden: Sowohl im unbedruckten Rand des Stichs als auch auf der Rückseite findet ein Bericht über ähnliche Plagen, die den Ort Bramel bei Bremerhaven in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges sowie 1710 heimgesucht haben. Signiert ist der Bericht von Johannes Gödtkens (1658-1744) aus Hamburg, der 1698-1711 als Pastor in Bramel und anschließend bis zu seinem Tod in Grünendeich bei Stade wirkte (vgl. Bruhn, Die Kandidaten der hamburgischen Kirche von 1654 bis 1825 [1963], S. 139f.). Verstreut finden sich im vorliegenden Band noch weitere Marginalien und Anstreichungen von Gödtkens Hand, die seine genaue Lektüre des Katechismus verraten. Am Schluss lose eingelegt ist noch ein Anhang von 24 Seiten, der einen schon im 17. Jahrhundert zunehmend diffizilen Punkt der protestantischen Lehre gesondert behandelt, nämlich die Prädestination und deren mögliche Erkennungmale ("Woran kan man abnehmen, welche die Auserwehlten seyn, und welche sind ihre Merk-Zeichen?"). Dieser Anhang scheint dem einzigen Vergleichsexemplar in der Ungarischen Nationalbibliothek zu fehlen, wie dieses nach der Kollation auch nur 11 Tafeln aufzuweisen scheint (vermutlich das Frontispiz und die 10 Tafeln zum Dekalog). Ebenfalls lose am Schluss einliegend findet sich hier ein zusätzliches Porträt von Pilarik jun., gestochen vom Breslauer Künstler Johann Tscherning nach einer Zeichnung von Moritz Lang (eingefaltet).

Einband etwas berieben und angestaubt; altes Signaturschildchen "2" am Rücken. Hinteres Innengelenk mit einigem Deckelabstand gebunden, um Raum für den Anhang zu lassen.

Cat. Bibl. Hung. Nat. Széch. (Suppl.) I, 448. Nicht im VD 17 oder OCLC.

Art.-Nr.: BN#49677 Schlagwort: