Musterbuch eines preußischen Tuchmachers des 18. Jahrhunderts

[Webmusterbuch]. Busse, Johann Friedrich, Tuchmacher (fl. um 1772). "Ein Muester-Buch vor Johann Friedrich Bußen. Berlin den 20ten October 1772". Handgezeichnetes Musterbuch eines preußischen Tuchmachers.

Berlin, 1768-1789 (mit einigen Nachträgen bis 1893).

Deutsche Handschrift auf Papier. 64 Bll. (davon 2 weiß) mit 19 großen (ganzseitigen) und 2 kleineren Mustern in roter Lackfarbe sowie 6 großen und ca. 100 kleineren schwarz-weißen Mustern in Tusche. Lädierter roter Halbpergamenteinband der Zeit. 4to (ca. 167 x 200 mm).

Umfangreiches, außerordentlich frühes Webmusterbuch des Johann Friedrich Busse, eines Tuchmachers im friderizianischen Berlin. Durchgehend mit einer Fülle von handgezeichneten, in brauner bzw. schwarzer Tinte, aber auch in roter Farbe ausgeführten Webmustern (als "Rieg" und "Boden" bezeichnete Schemata sowie Darstellung der fertigen Muster im Raster der horizontalen und vertikalen Kett- und Schussfäden). Viele der Muster tragen blumige Namen wie "Doucaten und Fenster Muster", "Tulpe und Augen", "Stern und Augen", "Brambere und Kleblat", "Bunter Krantz", "Gedobeltes Kleblad", "4 Hertzen mit Krantz" oder "Bekräntzte Rose Boden" und sind mit technischen Kommentaren, Material- und Farbanweisungen in zumeist gut lesbarer Kurrente versehen: "Ketten-Muster 20 schaftig" oder "Die Kette zu diesem Boden mus mit 14 weisen und 1 blauen Faden gestochen [werden], sie müßen auf den Hinterschafft kommen". Ein ausführliches Rezept ("Schön Roth zu Ferben Auf ein Pfund Wolle") gibt praktische Anweisungen zur Färberei. Wiederholt finden sich Notizen zu Aufträgen und ausgeführten Arbeiten, zum Teil in einer Geheimschrift aus Zahlen und Buchstaben geführt, außerdem Privates wie die Namen von Erstkommunikanten (1768-69) und, von späteren Besitzern hinzugefügt, Hochzeits-, Geburts- und Todestage der Familie von 1841 bis 1893.

Das Musterbuch entspricht in seiner Gestaltung grundsätzlich seinen gedruckten Gegenstücken, die allesamt heute von größter Seltenheit sind. Die bekannteste frühe Publikation dieses Typus ist wohl das "Weber-Kunst- und Bild-Buch" des Marx Ziegler von 1677, das erste mit einer größeren Anzahl von Stoffmusterbogen illustrierte Werk. Auch in späteren Auflagen sind solche Bücher kaum noch aufzufinden, da sie durch den alltäglichen, oft über ein Jahrhundert währenden Dauergebrauch allmählich zu Fetzen verschlissen. Umso überraschender ist der - von stärkeren Fingerflecken abgesehen - gute Allgemeinzustand der vorliegenden Handschrift, die ebenfalls über 100 Jahre von einer Weberfamilie benutzt wurde. Der Tuchmacher Johann Busse ist bislang nicht biographisch nachweisbar, doch dürfte eine Verbindung bestehen zur weitverzweigten Luckenwalder Tuchmacherfamilie Busse (ab 1820 "Busse & Sohn" in Luckenwalde und Berlin), zu deren bekannten Vertretern der Tuchmacher und -fabrikant Christian Gottlieb Busse (1769-1841), der Tuchfärber und Appreteur Johann Andreas Busse (geb. 1768) oder der Tuchmacher und -veredeler Georg Busse zählen. Auf eine gewisse Schulbildung des Autors weist die schöne, kalligraphische Handschrift auf der Titelseite mit ihrem frommen Widmungsspruch hin: "Nichts daß ich erfunden habe oder Möcht vollkommen sein, ich jage ihn aber Nach daß ich es ergreiffen Möchte, oder ich vergeße alles waß dahinter ist u. strecke mich nach dem daß da vornen ist. Drum auch Jhesu du allein, soll mein ein und Alles seyn. An Gottes Seegen Ist alles gelegen. Alles mit Gott biß in den Todt. Friedrich Busse".

Nur wenige Jahrzehnte, nachdem Busse dieses Musteralbum anlegte, sollte Joseph Marie Jacquard mit der Erfindung des über Lochkarten programmierbaren Webstuhls, der die komplexen, aber sich stereotyp wiederholenden Muster mechanisch abarbeitete, nicht nur einen entscheidenden Beitrag zur industriellen Revolution leisten, sondern auch den Grundstein zur Entwicklung des Computers legen: Jacquards Verfahren regte den englischen Mathematiker Charles Babbage im späteren 19. Jahrhundert zu seiner Maschine an, die statt Webmuster Berechnungen auswerfen konnte. Die grundlegende Bedeutung solider Rechenkunst für die Weberei hat aber bereits Busse erkannt, wenn er gegen Ende einen eigenen Exkurs zur Mathematik einschaltet: "Wer die Edle, und allen Menschen sehr Nützliche Rechen Kunst recht Gründlich aus dem Grunde Erlernen will Derselbe muß auf Fünfferley Art und weise mit den Ziffern oder Zahlen Umzugehen wißen. Den er muß lernen Erstlich die Ziffern recht Lesen Schreiben und aussprechen. Zweytens viele Zahlen zusammen zu zehlen oder in Eine gantze Summe zu bringen. Drittens Eine kleine von der größern abzuziehen. Viertens Eine Zahl mit der Andern zuvermehren oder um so viel mahl zuvervielfältigen. Fünftens Eine Zahl durch die andere in so viel gleiche Theile zu theilen. Diese Fünf Arten Nennet man die fünf Species der Rechen Kunst, Alß: Ersten Numeriren, Zweytens, Addiren, Drittens, Subtrahiren, Viertens Multiplicatio, Fünftens Dividiren".

Einband angestaubt und berieben, Papierbezug der Pappdeckel mit größeren Fehlstellen, Rücken lädiert. Innen durchgehend recht fingerfleckig, gelegentlich durchschlagende Tinte bzw. durch Schrumpfung der roten Farbe gewelltes Papier. Einige Bll. gelockert.