Hörbiger, Hanns, Techniker und Astronom (1860-1931). Familienkorrespondenz. 49 eigenh. Briefe und 8 eh. Postkarten.

Wien und Werschetz [Vršac, Vojvodina], 1880 und 1881.

173½ SS. auf 106 Bll. (Qu.-)8vo. Mit einigen eh. adr. Kuverts und einem Blatt mit Rechnungen.

 2.500,00

Korrespondenz des jungen Johann Evangelist Hörbiger, genannt Hanns, mit seiner Mutter Amalia und dem Stiefvater Karl Franz vom 15. Jänner 1880 bis zum 25. April 1881. In diesem Zeitraum absolvierte Hanns die letzten Schuljahre an der Bau- und Maschinen-Gewerbeschule des Technologischen Gewerbemuseums in Wien, die er seit 1878 nach dem Abschluss einer Lehre als Schmied besuchte. Vor der Übersiedlung nach Wien lebte Hanns Hörbiger mit seiner Familie in Werschetz, dem heutigen Vršac im Banat, wohin die Briefe adressiert sind. Dorthin war die aus Tirol stammende Orgelbauerfamilie um Amalias berühmten Vater Alois Hörbiger (1810-76) im Jahr 1870 übersiedelt. Nach finanziellen Schwierigkeiten in Wien konnten die Hörbigers im Banat zunächst einige Aufträge lukrieren, bald flaute das Geschäft aber wieder ab. Alois Hörbiger verstarb 1876 im serbischen Zemun, heute ein Stadtteil Belgrads.

Die Geldprobleme der Familie sind in der Korrespondenz zentrales Thema. Um sein Leben in Wien zu finanzieren musste Hanns Hörbiger immer wieder Schulden aufnehmen: "Ich war gestern Abends beim Herrn Lerchenfelder und habe mir von ihm 10 fl geliehen und da habe ich gleich meine alte Quartierfrau gezahlt, [...]" (25. IV. 1881). Der Lebensmittelpunkt der Eltern im damaligen Ungarn stellte ein weiteres finanzielles Risiko dar: "Auch muss ich Ihnen sagen, dass ich mit Recht fürchten muss dass man mir heuer das Stipendium nimmt, weil ich in Ungarn zuständig bin. Seit der Pester Theatergeschichte ist hier eine förmliche Ungarnhassepidemie aufgetreten" (10. XII. 1880). Im Frühjahr 1880 musste Hörbiger seine Zither belehnen, mit der er später als wandernder Zitherspieler kurzzeitig seinen Lebensunterhalt verdienen sollte: "Es war gut, daß ich die Zither nicht ausgelöst habe, denn ich war ohnehin im Momente wo ich [...] die Aprilrate empfing im Besitze gerade noch eines Kreuzers" (3. V. 1880). Obwohl Hörbiger von seinen Eltern immer wieder vertröstet wird, beklagt er sich nicht: "Liebe Mutter Sie schreiben ich soll mir was zu Gute kommen lassen über die feiertage. Ich habe kein verlangen darnach. Tavlovsky hat aus Schlesien einen Schinken erhalten, den hat er brüderlich mit mir getheilt. Es geht mir ja jetzt ganz gut ich verlange mir sonst nichts als aus den Schulden einmal heraus zu sein" (o. D.). Trotz aller Sorgen bleibt Zeit für Vergnügen: "Gestern machte der ganze Club einen Sängerausflug nach Grinzing. [...] Haben uns köstlich amüsiert. Heute gehen wir (Quartierleute) in den Prater zum Praterfahren und Wettrennen" (18. IV. 1881). In der letzten Postkarte der Korrespondenz kündigt Hörbiger seine militärische Musterung an. Da ein Hochschulstudium jenseits der finanziellen Möglichkeiten der Familie lag, leistete er nach dem Schulabschluss kurzzeitig Militärdienst, danach fand er Anstellung als Ingenieur in verschiedenen Unternehmen. Nach 1896 brachte ihm das Patent für ein Stahlplattenventil beträchtlichen Wohlstand und ermöglichte Hörbiger den Weg in die Selbständigkeit. Durch seine zunächst kaum rezipierte Publikation zur Begründung der Welteislehre, "Hörbigers Glacial-Kosmogonie" von 1913, erlangte Hörbiger in der Zwischenkriegszeit Berühmtheit. Die kurzzeitig überaus populäre Theorie ist in der akademischen Astronomie stets auf breite Ablehnung gestoßen.

Insgesamt in ausgezeichnetem Zustand, wenige Briefe mit Seiteneinrissen und Knickspuren. Viele Kuverts mit Siegelresten; auf dem Kuvert eines Briefes der Eltern vom 15. V. 1880 hat Hanns Hörbiger eine charmante Skizze hinterlassen. Die Briefe Hanns Hörbigers teils auf Briefpapier mit Monogramm.

Art.-Nr.: BN#49411 Schlagwörter: , ,