Nach der Schlacht bei Navarino

Gentz, Friedrich von, Schriftsteller, Staatsdenker und Politiker (1764-1832). Eigenh. Briefentwurf.

O. O., 30. XII. 1827.

20 SS. auf gehefteten gefalt. Doppelbll., halbbrüchig beschrieben. 4to.

 6.500,00

An Philip Henry, 4th Earl Stanhope (1781-1855, nachmals Pflegschafter Kaspar Hausers), über die politische Situation in Europa nach der Schlacht bei Navarino, die zur griechischen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich führte. Gentz, durchaus kein Philhellene, sieht die Bedeutung des Schlachtausgangs für das Kräftegleichgewicht in Europa voraus und beklagt die Rollen, welche die politischen Kräfte der Großmächte gegenwärtig spielen. Dem deutschlandbegeisterten Engländer schreibt Gentz in deutscher Sprache, setzt den Brief hier aber nur als Konzept auf, da er die Reinschrift wegen seiner für Ungeübte womöglich schwer lesbaren Hand einem Sekretär überlassen will: "[...] Ich laße diesen Brief durch eine fremde, aber vollkommen sichre Hand schreiben, weil ich einmal weiß, daß deutsche Briefe Ihnen die liebsten sind, und doch besorge, daß Sie meine Hand mit etwas mehr Anstrengung als eine Kanzley-Schrift lesen möchten [...] Sie kehren, Mein Verehrter Lord, in einem höchst entscheidenden Augenblicke in Ihr Vaterland zurück. Nach allem, was sich in den letzten vier oder sechs Wochen in England zugetragen hat, scheint mir eine Ministerial-Revoluzion unvermeidlich. Die öffentliche Meynung spricht sich täglich stärker und drohender über das Attentat von Navarin, den Traktat von London, und die ganze verderbliche Politik, die diesen Traktat erzeugt hat, aus [...] Das alles hat in den letzten vier Wochen eine andre Gestalt angenommen. Ihre Minister hatten sich geschmeichelt, daß Oesterreich durch seinen Einfluß in Constantinopel die Türken zum Nachgeben bewegen, und daß ihnen dies einen Ausgang aus dem Labyrinth, in welches sie sich durch ein grundfalsches und verderbliches System verwickelt hatten, bereiten würde. Diese Aussicht schlug fehl. Obgleich unser Cabinet, mit altgewohnter Treue und Ehrlichkeit alle seine Kräfte anstrengte, um den letzten Bruch zu hintertreiben, so war doch, seit der Katastrophe von Navarin, und bey dem fortdauernden höchst unklugen und feindlichen Benehmen der drey Gesandten, nach dieser Katastrophe, jeder Versuch bey der Pforte fruchtlos. [...] Die französische Regierung ist die verachtetste, und die verächtlichste die es heute in Europa giebt. Hierüber sind alle Parteyen einig. Wie diese im Todeskampf begriffne, elende Regierung die Türkisch-Griechische Sache behandelt hat - wird man dereinst den Geschichtsschreibern kaum glauben [...] Für Rußland allein haben England und Frankreich gearbeitet, für Rußland allein den unseligen Tripel-Traktat unterzeichnet, für Rußland allein bey Navarin die Türkische Seemacht vertilgt [...] Der Weg nach der Hauptstadt des Türkischen Reiches ist jetzt dem Russen auf allen Seiten geöfnet [...] Und das alles setzt England für das lächerlichste aller Hirngespinste, für die sogenannte Befreyung der unwürdigsten Rebellen, die je die Sonne beschienen hat, aufs Spiel! It cannot be [...]".

Konzept mit zahlreichen eigenh. Einschüben, Strichen und Umarbeitungen. Am 1. Bl. recto Publikationsvermerk von fremder Hand (um 1870); eine von Gentz im Entwurf nicht ausgefüllte Zitatstelle mit editorischem Bleistiftvermerk "Die Stelle fehlt".

Hochcharakteristisches Dokument der Beurteilung der europäischen Situation in der Geburtsstunde des modernen Griechenland: Einer der talentiertesten europäischen Staatsdenker seiner Zeit beweist großes Geschick in der Abschätzung der politischen Folgen für die Großmächte; zugleich zeigt Gentz, "den alten und neuen Griechen zeitlebens nicht gewogen" (Bertsch, Prokesch von Osten, S. 77), seine Beschränkung hinsichtlich einer zukunftsweisenden Beurteilung der griechischen Sache.

In normalisierter Schreibweise abgedruckt in: Schlesier, Gustav v. (Hrsg.). Schriften von Friedrich von Gentz. Ein Denkmal. Bd. V (1840), S. 138-146.

Art.-Nr.: BN#22584 Schlagwort: