Rabbi Lipmanns "böses Buch", nach einem gestohlenen Manuskript erstmals gedruckt

Lipmann-Mühlhausen, Jom-Tob. Liber Nizachon Rabbi Lipmanni.

Nürnberg, Simon Halbmayer, 1644.

(Gest., ill. Vortitel), (Titel), (12), 512, (24) SS.

[Vorgebunden] II: Crinesius, Christoph. [Babel] sive Discursus de confusione linguarum, tum orientalium [...]. Nürnberg, Simon Halbmayer, 1629. (Titel), (14), 144, (4) SS. Mit Holzschnittdruckermarke am Titel, 3 ganzs. Textkupfern (Schriftproben) sowie zahlr. ornamentalen Initialen und Vignetten in Holzschnitt.

[Vorgebunden] III: Hackspan, Theodor. Disputationum theologicarum & philologicarum sylloge [...]. Nürnberg, Johann Andreas Endter & Wolfgang Endter, 1663. (Titel in rot und schwarz), (6), 616, (43) SS. Mit einigen ornamentalen Vignetten und Zierstücken in Holzschnitt. Zeitgenössischer Pergamentband mit hs. Rückentitel. 4to.

 4.500,00

Nürnberger Sammelband zu Fragen und Problemen der hebräischen Philologie und Textexegese, verfasst bzw. herausgegeben von bedeutenden protestantischen Orientalisten.

I: Die erste gedruckte Ausgabe des 'Sefer nizzachon', das Hauptwerk des großen Apologeten und Kabbalisten Jom-Tow ben Salomo Lipmann von Mühlhausen (fl. n. 1400). In dem vor 1410 verfaßten 'Buch des Sieges' bekämpft Lipmann "christliche Hauptlehren, vor allem die christlichen Deutungen einzelner Bibelstellen [...] Die eine genaue Kenntnis des Neuen Testaments voraussetzende Schrift erregte unter den Christen großes Aufsehen und bewirkte eine Gegenschrift des Brandenburger Bischofs Stephan Bodecker" (Jüd. Lex. III, 1119). Herausgegeben vom bedeutenden Orientalisten Theodor Hackspan (1607-59), der sich das bis dahin nur in jüdischen Kreisen als geheimes Manuskript im Umlauf befindliche Werk auf spektakuläre Weise beschaffte: "Hackspann besuchte mit etlichen Studenten einen Juden in Schnattach, mit dem er öffters von dem Nizzachon gesprochen hatte, von dem er es aber niemals erhalten konnte. Bey dem Besuch machte er den Juden so treuherzig, daß er ihm das Nizzachon wies; und indem die Studenten abgeredter massen sich inzwischen mit dem Juden in Streit und Discours einliesen, ersahe Hackspann seinen Vortheil, setzte sich mit dem Nizzachon auf den schon fertigen Wagen und lies dem Juden das Nachsehen. So bald er mit der Beute zu Hause war, zerschnitte er das Buch, und Schnell, Blendinger, Frischmuth nebst andern im Rabbinischen wohl versirten Leuten musten es in der Eile abschreiben, damit man es dem Juden, der gleich dem andern Tag nachkam, wiedergeben konte. Und durch diesen schönen Betrug kam nun dies böse Buch in der Christen Hände und auch hernach zum Druck" (Will). Der hebräische Text (der Hauptteil des Werkes) wurde in Altdorf gedruckt, der lateinische (ebenfalls in Paginierung von rechts nach links) in Nürnberg. Im Anhang zahlr. Passagen auf Arabisch.

II: Frühes wissenschaftliches Werk der komparativen Linguistik, das das Hebräische, Aramäische, Äthiopische, Lateinische, Griechische, Französische usw. in Bezug auf Grammatik, Wort- und Lautschatz detailliert vergleicht. Der Verfasser Christoph Crinesius (1584-1629), ein in Böhmen gebürtiger Orientalist und "in der hebräischen, chaldäischen und syrischen Sprache wohl erfahren gewest" (Jöcher), war nach Studium und Lehrtätigkeit in Wittenberg Prediger zu Gschwendt geworden. Nach der Ausweisung der Protestanten aus Österreich wurde er Theologieprofessor in Altdorf; das vorliegende Werk erschien erstmals zweiteilig 1610 in Wittenberg. Zahlreiche Stellen in griechischer und hebräischer Type.

III: Sammlung von theologischen und philologischen Disputationen Hackspans, der als "neben Sal. Glaß bedeutendster Hebraist seiner Zeit" gilt. "Auch die Rabbinen hatte er eingehend studiert und die aus ihnen gewonnenen Kenntnisse für die theologische Wissenschaft verwerthet. Außerdem war er im Arabischen und Syrischen bewandert" (ADB X, 299). Hackspan war 1636 aufgrund einer glänzenden Disputation Professor der Orientalistik zu Altdorf geworden, ohne Magister gewesen zu sein. Zahlreiche Stellen in griechischer, hebräischer, arabischer und syrischer Type.

Mit eh. Besitzvermerk "Ex libris Maresii" [d. i. Samuel Maresius (1599-1673, Gröninger ev. Theologieprofessor)?] am Vorsatz. Am Spiegel eh. Besitzvermerk des M. D. Winter [d. i. Magister David Winter (1643-99, Wittenberger Philologe)?] sowie Besitzvermerk "Ha-Sefer jehert [A]dolf Mobring [?]". Wenige Anstreichungen im Text. Durchgehend etwas gebräunt. Der Titel der ersten Beibindung fachmännisch angerändert. Teils leicht wasserrandig, sonst gutes Exemplar des seltenen Hauptwerks des Kabbalisten Lippmann in einem zeitgenössischen Sammelband.

Lipmann: Steinschneider I, 1411: 5854, 1. Will, Nürnb. Gelehrten-Lex. II (DBA I 452, 385). VD 17, 23:270299X.

Crinesius: Jöcher I, 2198. VD 17, 14:053983L.

Hackspan: Will, ebd. VD 17, 12:123782K (nicht in HAB Wolfenbüttel).