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Frey, Christopher (ed.) / Peche, Martin (ed.) / Schwaiger, Stefanie (ed.) / Wetscherek, Hugo (ed.). One Thousand Books, Manuscripts, and Collections Relating to Arabia and the Middle East (Catalogue 16). Wien, Inlibris, 2014. 541 pp., illustrated in colour throughout.

541 pp., illustrated in colour throughout.

EUR 250.00

Book reviews

One Thousand Books, Manuscripts, and Collections Relating to Arabia and the Middle East. Hrsg. von Christopher Frey, Martin Peche, Stefanie Schwaiger und Hugo Wetscherek. Inlibris, Gilhofer Nfg. GmbH, Rathausstraße 19, A-1010 Wien, www.inlibris.at. Katalog Nr. 16. 1.000 Nrn., 541 S., Abb., ISBN 978-3-9501809-2-3, Schutzgebühr 250 Euro

Rezension in: Aus dem Antiquariat (AdA) NF 12 (2014) 5, S. 233-234, Dr. Torsten Sander

Ex oriente lux: 1.000 arabische Bücher aus Wien

Folio – 3.700 Gramm – dunkelgrüner, goldgeprägter Leineneinband – 250 Euro Schutzgebühr. Das sind die Eckdaten eines der außergewöhnlichsten Antiquariatskataloge der letzten Jahre, den das Wiener Antiquariat Inlibris, Gilhofer Nfg. im Mai 2014 als Katalog 16 vorlegte: One Thousand Books, Manuscripts, and Collections Relating to Arabia and the Middle East. Der von Christopher Frey bearbeitete englischsprachige Band besticht bereits beim ersten Durchblättern durch seine großzügige farbige Bebilderung der in Rot-Schwarz und jeweils sehr ausführlich gehaltenen Titelaufnahmen. Zur Ästhetik des gewichtigen Werkes trägt das gewählte Kunstdruckpapier wesentlich bei. Die Auflage beträgt 1.000 Exemplare, wovon rund drei Monate nach Erscheinen etwa die Hälfte versandt oder auf Messen ausgegeben worden ist, wie die Firma Inlibris auf Nachfrage mitteilt.

In der Hauptsache versammelt der Katalog 919 hochkarätige Stücke in neun Abteilungen. Das inhaltliche Spektrum reicht hier von Reiseberichten und Werken zur historischen Geographie über Titel zu Geschichte und Religion, islamischer Kunst und Architektur sowie frühen arabischen Drucken, Karten, Atlanten und Fotografien bis zu Autographen und Manuskripten. Ergänzt wird das in diesem Umfang sicher einmalige Angebot an Orientalia durch 81 unter der Überschrift „Important Items of General Interest“ angezeigte, nicht zum eigentlichen Themengebiet des Katalogs zugehörige Bücher und Autographen. Stellvertretend genannt für das thematisch breite und ebenfalls durchweg hochpreisige Angebot dieser Abteilung seien ein ehemals zur Fürstenberg-Bibliothek Donaueschingen gehöriges Exemplar der Erstausgabe von Heinrich Kramers Hexenhammer (Speyer vor 1487; Nr. 946; 175.000 Euro), ein signiertes Typoskript von Franz Kafkas Erzählung „Ein Traum“ (Prag 1916; Nr. 952; 125.000 Euro), eine Autogrammkarte des Teufelsgeigers Niccolo Paganini mit zwei montierten Saiten seiner Violine (Nr. 976; 28.000 Euro) sowie ein für 2,5 Millionen Euro angebotenes Brüsseler Notizbuch von Karl Marx (Nr. 963), welches die teuerste Position des Katalogs ist.

Die Preise der überwiegend im vier- bis fünfstelligen Bereich taxierten Stücke sind einer beigelegten Liste (Preise in Euro) zu entnehmen. Sie ist gegenwärtig auf den Stand vom Mai 2014 datiert und verzeichnet bereits bei Erscheinen einige Titel, die verkauft sind beziehungsweise deren Preis auf Anfrage mitgeteilt wird. Auf ein Vorwort oder vergleichsweise Erläuterungen zur Zusammenstellung des imposanten Angebots wurde verzichtet. Lediglich in den Titelaufnahmen werden Angaben zur Provenienz gemacht. Ein am Ende beigefügtes Verzeichnis fasst diese nochmals zusammen. Zu den mehrfach Genannten zählen hier unter anderem die Herzöge von Luynes, Herzog Maximilian Joseph in Bayern, Kurt Lindner sowie mit 54 Titeln insbesondere der Schweizer Bibliophile Herry W. Schaefer. Ein ausführliches Register hilft bei der Erschließung aller Titel nach Namen, Orten oder Sachgebieten.

Da die Titelaufnahmen den unikalen Charakter wie auch die druck- oder geistesgeschichtliche Besonderheit jedes Stücks prägnant und überzeugend zu betonen wissen, fällt es schwer, einzelne Titel besonders zu würdigen. Mit einer Aufzählung allein würde man diesem Antiquariatskatalog nicht gerecht. Er ist vielmehr die gelungene Inszenierung einer in jüngerer Zeit in diesem Umfang nicht angebotenen Kollektion hochwertiger Orientliteratur.

Nach Aussage von Hugo Wetscherek dokumentiert der Katalog einen über mehrere Jahre aus unterschiedlichen Quellen gewachsenen Bestand des Wiener Antiquariats, welches seit 2007 mit gegenwärtig vier Messebeteiligungen jährlich in den Golfstaaten präsent ist. Insofern richtet sich der Katalog vor allem an ein Publikum in dieser Region, welches ihn nach Aussage des Herausgebers auch sehr positiv aufgenommen hat. Etwa ein Viertel der Titel sind bereits verkauft worden.

Besonderes Augenmerk dürften hier etwa die beiden Abteilungen mit Büchern beziehungsweise Graphiken, Fotografien und Manuskripten zu den in den arabischen Ländern besonders beliebten Themen Pferde und Falknerei auf sich ziehen (Nr. 552 bis 694 ff.). Den Auftakt dieser Abteilungen bildet eine „Library on Arabian horse breeding“ (Nr. 552; 220.000 Euro). Sie umfasst allein schon mehr als 1.000 Bände mit 250 Werken aus den Jahren 1746 bis 2007, wobei Teile dieser in einem separaten Katalog ausführlicher beschriebenen Sammlung aus der Bibliothek von Herzog Maximilian Joseph in Bayern stammen.

Angesichts der Vielzahl an seltenen Titeln und deren ausführlicher Beschreibung geht dieser Katalog aber weit über einen Verkaufs- und Bestandskatalog hinaus; er dürfte künftig ein nicht zu vernachlässigendes bibliographisches Referenzwerk bei der Beschäftigung mit arabischen Büchern sein.

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Frey, Christopher (Bearb.) / Atze, Marcel. Die Bibliothek der Deutschen Sozialisten, Cleveland / Ohio. Kommentierter Katalog des historischen Buchbestandes. Mit einem Essay von Marcel Atze: Ein Rückblick aus dem Jahr 2001 – eine wiederentdeckte Arbeiterbibliothek in ihrem zeitgenössischen Kontext (= Katalog 10). Wien, Inlibris, 2001. 328 Seiten, 100 Abbildungen. Leinenband (25 x 18 cm).

328 Seiten, 100 Abbildungen. Leinenband (25 x 18 cm).

EUR 48.00

Book reviews

Die Bibliothek der Deutschen Sozialisten Cleveland/Ohio. 02-1-028 Die Bibliothek der Deutschen Sozialisten Cleveland/Ohio : kommentierter Katalog des historischen Buchbestandes / bearb. von Christopher Frey. Mit einem Essay von Marcel Atze: Ein Rückblick aus dem Jahr 2001 – eine wiederentdeckte Arbeiterbibliothek in ihrem zeitgenössischen Kontext. – Wien: Antiquariat Inlibris, 2001. – 328 S. : Ill. ; 25 cm. – (Katalog / Antiquariat Inlibris ; 10). – ISBN 3-9500813-6-4 : EUR 48.00. – (Antiquariat Inlibris, Rathausstraße 19/1/27, A-1010 Wien, FAX 0043 1 409 61 90-9, EMail: office@inlibris.at

Rezension in: Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 10 (2002) 1, Achim Bonte

Mit der zwischen 1850 und 1925 entstandenen Agitations- und Arbeiterbildungsbibliothek der „Deutschen Sozialisten“ in Cleveland/Ohio erschließt der vorliegende Katalog einen wohl einmaligen Bestand: Nirgends sonst ist eine frühe deutsche Arbeiterbibliothek von dieser Größe und Geschlossenheit erhalten geblieben. Gegen Ende der zwanziger Jahre im Vereinsgebäude der deutschsprachigen Sozialisten eingemauert, wurde die über 600 Bände zählende Sammlung 1970 wiederentdeckt und dank des Engagements eines deutschen Diplomaten für die Nachwelt erhalten. Im November 2001 stand sie nun auf der 2. Berliner Antiquariatsmesse für DM 150.000,- zum Verkauf1 – vermutlich der äußere Anlaß für den vom Wiener Antiquariat Inlibris produzierten Katalog. Die Bibliothek enthält neben den sozialistischen Klassikern zahlreiche Publikationen der deutschsprachigen sozialistischen Bewegung in Amerika, die zum Teil bislang überhaupt nicht bekannt waren. Für die Forschung von besonderem Wert sind außerdem die originalen einmontierten Ausleihzettel, die wertvollen Aufschluß über die Bestandsrezeption bieten.

Der ansprechend gestaltete Katalog umfaßt neben dem nach der ursprünglichen Systematik gegliederten Bestandsverzeichnis ein Interview zur Entdeckung sowie einen ausführlichen wissenschaftlichen Beitrag zu Geschichte und Bedeutung der Bibliothek. Darüber hinaus sind ein Personenregister zum Katalogteil, ein Literaturverzeichnis sowie Nachdrucke von 14 Beiträgen aus dem Echo enthalten, der bisher praktisch verschollenen Wochenzeitung der Clevelander Sozialisten. Der von einem Antiquariatsmitarbeiter erarbeitete kommentierte Katalog ist mustergültig und bietet so ein beeindruckendes Beispiel für den weiter vorhandenen bibliographischen Fleiß und die bibliographische Sorgfalt mancher Antiquariatsbuchhändler.2 In Antiquariaten und Spezialbibliotheken wird das Buch ein geschätztes Nachschlagewerk sein.

IFB:

[1] Handschriften, Autographen, Bücher : eine Auswahl anläßlich der II. Liber Berlin, Ludwig-Erhard-Haus, 2.–4. 11.2001 / Antiquariat Inlibris. – Wien ; Antiquariat Inlibris, [2001]. – 48 S.: Ill. ;14×20 cm. – Hier Nr. 31, S. 29–31. – Käufer war, wie das Antiquariat auf Anfrage mitteilte, die Cleveland Public Library.

[2] Bei den Beschreibungen berücksichtigt ist z. B. selbst der erst 2000 erschienene Öhlberger, das erste größere Verzeichnis von Buchhändlermarken. Vgl. IFB 01-2-250. – Weitere sorgfältig bearbeitete Kataloge des Antiquariats wurden in IFB 01-1-011 besprochen.

Was die deutschen Sozialisten gelesen haben. Eine wiederentdeckte sozialistische Arbeiterbibliothek gibt Aufschluß über Lesegewohnheiten und bibliopädagogische Ansprüche

Rezension in: IASLonline, 19.03.2002, Claude Conter

Die Bibliothek der Deutschen Sozialisten Cleveland, Ohio. Kommentierter Katalog des historischen Buchbestandes. Bearb. von Christopher Frey. Mit einem Essay von Marcel Atze: Ein Rückblick aus dem Jahr 2001 – eine wiederentdeckte Arbeiterbibliothek in ihrem zeitgenössischen Kontext.
Wien : Inlibris 2001. 320 S. Geb. € 48,-.
ISBN 3-9500813-6-4.

Die 1970 wieder entdeckte Bibliothek der deutschamerikanischen Sozialisten in Cleveland / Ohio aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Prohibitionszeit ist nunmehr von Christopher Frey katalogisiert und kommentiert und vom Literaturwissenschaftler Marcel Atze im historischen, literaturgeschichtlichen und politischen Kontext beschrieben und erläutert.

Mit mehr als 100 Abbildungen und 14 Artikeln aus der seltenen Wochenzeitung der Clevelander Sozialisten Das Echo und einem Interview mit dem deutschen Diplomaten Peter Schoenwaldt, der die Bibliothek 1970 erworben hat, stellt dieser Katalog für die empirische Leser- und die Arbeiterforschung eine wichtige Materialsammlung bereit, die zudem eine notwendige Ergänzung und Grundlage für die Lesersoziologie und die Bibliothekswissenschaft ist. Denn zum ersten Mal ist es möglich, anhand einer geschlossen überlieferten Bibliothek mitsamt den in den Büchern einmontierten Ausleihzetteln begründete Vermutungen anzustellen über den Hiatus zwischen dem >bibliopädagogischen Konzept der Arbeiterbildner< und den Lesebedürfnissen der Benutzer. Die Bedeutung dieses kommentierten Katalogs besteht darin, den in der fiktionalen Literatur und in den sozialistischen Bildungsschriften geprägten Mythos vom lesenden Arbeiter auf der Grundlage einer gut dokumentierten Arbeiterbibliothek zu überprüfen. Die Umstände ihrer Wiederentdeckung sowie die Beschreibung ihrer Struktur und Organisation helfen, die Lesegewohnheiten durch die Ausleihzettel zu erschließen. Darauf beruht auch die Leistung des kommentierten Katalogs.

0. Aufbau des Kataloges

Der Katalog ist in fünf Teile gegliedert. Der erste und umfangreichste enthält den Bibliotheksbestand von 600 Bänden in 477 vollständigen Titelaufnahmen, einschließlich genauer Angaben über Verlage, Buchbindung, Format, Seitenanzahl usw. Mehrbändige Bücher und Reihentitel sind aufgeschlüsselt. Bibliothekarische Besonderheiten (z.B. über den Zustand oder über Verzierungen) werden jeweils beschrieben und kommentiert. Bei fast allen Titelaufnahmen sind sowohl die Anzahl und die Dauer der Ausleihen als auch die Stempel verschiedener Parteiorganisationen, Gesangsvereine und vereinzelter Besitzer nachgewiesen. Die Stempel, die zur Bestimmung der Provenienz bestimmter Buchbestände dienen, wurden faksimiliert und im Fall der Besitzer und Bibliothekare kommentiert. Es ist Wert darauf gelegt worden, die Anordnung der Titelaufnahmen in zehn Signaturgruppen der ursprünglichen Bibliothekseinteilung zu befolgen.

Das zweite Kapitel enthält ein Interview mit dem Entdecker der Bibliothek und Diplomaten Peter Schoenwaldt. Anschließend folgt der Essay von Marcel Atze, der sich u.a. mit der Wochenzeitung der Clevelander Sozialisten Echo auseinandersetzt, aus der im vierten Kapitel 14 Beiträge aus der Zeit zwischen dem 29.04.1911 und dem 07.04.1917 ausgesucht wurden. Die parteipolitischen Entwicklungen und Positionen werden an der Berichterstattung der großen Ereignisse der Zeit (Titanic-Untergang, Massaker von Ludlow) und an den zentralen Themen des Darwinismus, Sozialismus und der Religion ablesbar. Der Katalog schließt mit einem Personenregister, in das alle Verfassernamen der monographischen und Sammelbänden wie auch der im Katalogteil erwähnten Personen aufgenommen wurden. Die Werktitel sind nach ihrem Verfasser indiziert.

1. Der Mythos vom lesenden Arbeiter oder Was die Auswertung eines geschlossenen Bibliotheksbestandes leistet

Peter Weiss hat in seinem Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ den seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Gewerkschaftskreisen und sozialdemokratischen sowie kommunistischen Denkschriften und Theorientwürfen aufgebauten Mythos vom sich ununterbrochen bildenden Arbeiter aufgegriffen. In diesem Roman wie auch in den historischen Romanen von Anna Seghers, Hans Marchwitza oder Bruno Apitz ist die Weltliteratur von Dante bis zu James Joyce Gegenstand langer, intellektueller Diskussionen von bildungsfreudigen Arbeitern, die das Programm kulturellen Wissens auf die politische Einsicht Wilhelm Liebknechts stützen, die dieser 1872 in seiner Rede „Wissen ist Macht, Macht ist Wissen“1 geprägt hat. Die Literatur hat das Bild des Arbeiterlesers auf der Grundlage des populären sozialistischen Glaubensbekenntnisses zur Bildung und Kultur verstärkt.

Die Auswertungen der Bibliotheksbestände von Arbeiterbildungsstätten erlaubten bisher kaum eine grundlegende Bewertung dieses mythisch petrifizierten Bildes, weil für eine empirische Leserforschung außer Leseerinnerungen aus Briefen, Memoiren und Interviews sowie bibliothekarischen Verzeichnissen keine überprüfbaren Daten über die Nutzung dieser Bibliotheken zur Verfügung standen. Das hängt auch damit zusammen, daß eine Arbeiterbibliothek vor dem Ersten Weltkrieg als physisches Ensemble nicht zur Verfügung stand. Die 1970 wieder entdeckte Bibliothek der Deutschen Sozialisten in Cleveland / Ohio vermag, dieses Desiderat in der Arbeiter- und Leserforschung zu beheben.2

2. Wiederentdeckung der Bibliothek

1970 entdeckt man in dem 1860 vom Deutschen Hannes Tiedemann erbauten Haus 4308 Franklin Blvd. in Cleveland / Ohio bei Renovierungsarbeiten einen durch eine eingezogene Wand versteckten Raum, in dem sich eine vollständige Arbeiterbibliothek, mehrere Gemälde von sozialistischen Denkern und Whisky-Flaschen aus der Prohibitionszeit Ende der 20er Jahre erhalten hatten. Der deutsche Diplomat Peter Schoenwaldt erwarb den Bestand der Agitationsbibliothek, die dann vom Antiquariat Inlibris (Wien) übernommen wurde. Die Bibliothek wurde mittlerweile von der Cleveland Public Library erworben.

3. Struktur und Organisation der Bibliothek

Die Gründung der Bibliothek durch exilierte sozialistische Deutschamerikaner des Nachmärz ist auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts festzulegen, wobei der Aufbau des Bestandes in erster Linie zwischen 1870 und 1900 erfolgt ist. Mit mehr als 600 Bänden aus den Jahren 1845 bis 1925 und vor allem auf Grund der zahlreichen Erstdrucke sowie der seltenen und kostbaren, auch gewidmeten Sozialistika ist die Bibliothek umfangreicher als eine durchschnittliche Arbeiterbibliothek im Wilhelminischen Reich. Dennoch ist der Bestand paradigmatisch, weil es einen Kanon, vor allem für die Partei- und Gewerkschaftsliteratur, gegeben hat, der durch eine einheitliche Bibliotheksarbeit koordiniert und organisiert wurde, wie Marcel Atze in seinem informativen Essay nachweist. Dies gilt auch für die deutschamerikanische Bibliothek in Cleveland, die große Bestände aus dem parteieigenen Dietz-Verlag angeschafft hat.

Die Bibliothek ist nach zehn Signaturgruppen geordnet, die innerhalb der Sachgruppen nach dem Nominalprinzip katalogisiert sind:

1. Sozialismus, Sozialwissenschaft, Sozialökonomie (167 Bände)

2. Periodika, Sammelwerke gemischten Inhalts, Lexika (12 Publikationen)

3. Geschichte und Lebensbeschreibungen (49 Bücher)

4. Gedichte und Dramatisches (35 Nachweise)

5. Jugendliteratur (6 Bände)

6. Romane, Erzählungen (44 Bände)

7. Naturwissenschaft, Geographie (20 Bände)

8. Philosophie, Religion (33 Bände)

9. Gesundheitslehre, Erziehung (18 Bände)

10. Kunst, Technik, Fachzeitschriften (14 Bände).

Dazu kommen noch Einblattdrucke (9) sowie Bücher und Noten (59) aus dem Bestand des sozialistischen Sängerbundes und Bildungsvereins „Liedertafel Eintracht“. Auffällig ist, daß die bibliothekarisch tätigen Leiter vor allem die Lektüre theoretischer und historischer Sozialistika fördern wollten, so daß es sich in der Hauptsache um eine „Funktionärsbibliothek“ (S. 253) gehandelt hat. Innerhalb der Sachgruppen gibt es auch falsche oder überraschende Einordnungen. Auf Grund des Untertitels „Eine Kindertragödie“ wird Frank Wedekinds Skandalstück „Frühlings Erwachen“ unter die Jugendliteratur subsumiert. Und während Ferdinand Freiligraths frühsozialistischer Gedichtband „Ça ira!“ unter den Sozialistika firmiert, stehen Georg Herweghs „Neue Gedichte“ in den Regalen >Gedichte, Dramatisches<. Die Bibliothek hatte jeweils am Samstag eine Stunde geöffnet von neun bis zehn Uhr abends. Ausgeliehen werden durften maximal zwei Bücher für vierzehn Tage mit der Möglichkeit einer Verlängerung für die gleiche Dauer. Ausleihberechtigt sind laut Satzung die Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei Nordamerika, die Träger der Bildungsstätte ist, Mitglieder ihrer Branchen und der Gewerkschaften. Die Prinzipien der bibliothekarischen Arbeit (Einkaufspolitik, Aufstellungssystematik u.a.) lassen sich aus dem jetzigen Bestand ableiten, auch wenn über die genaue Arbeit der einzelnen Bibliothekare wenig bekannt ist. Ob diese über eine bibliothekarische Ausbildung verfügt haben, ist ungewiß. Aber die beiden namentlich bekannten Bibliotheksleiter Wilhelm Ludwig Rosenberg und Paul Pechiny sind Akademiker und haben sehr gute Kontakte zur sozialdemokratischen Bibliothek Vorwärts in Berlin. Die anderen Leiter sind nicht bekannt.

4. Benutzer- und Leserprofil

Marcel Atze beschreibt die Arbeiterbildungsstätte als „Narration, die die Bibliothek als den Ort der versuchten Identitätsbildung einer Klasse vorführt“. (S. 249) Die Bibliothek sei sowohl „soziokulturelle Institution“ als auch „kulturelles Kampfmittel“ (S. 249). Diese These läßt sich überprüfen anhand der Ausleihfrequenz. Auffällig ist dabei zuerst das geringe Interesse an den zahlreich vorhandenen theoretisch-marxistischen, politischen und gesellschaftswissenschaftlichen Büchern zu Gunsten von belletristischer, publikumswirksamer Unterhaltungsliteratur. Diese Beobachtungen beziehen sich – wie so häufig in der empirischen Leserforschung – auf Anzahl und Länge der Ausleihen. Rückschlüsse auf die tatsächliche Lektüre erlauben diese Daten nicht, sind doch die räumlichen und psycho-physikalischen Umstände der Lektüre weiterhin unbekannt.

Sozialistika

Die „bibliopädagogische Praxis einer doppelten Minderheit: deutsche sozialistische Arbeiterbildner in den USA“ (S. 249) wird erkennbar an der Fülle von theoretischen und historischen Sozialistika. Die Schriften von Lenin, Trotzki, Karl Liebknecht, Kurt Eisner, Friedrich Engels, Clara Zetkin und Ferdinand Lassalle blieben eher in den Regalen stehen. Die Schriften von Wilhelm Liebknecht, August Bebel und Karl Kautsky hingegen sind nicht nur reichlich vorhanden, sondern wurden auch oft ausgeliehen.

Frühsozialismus

Die Traditionen zu frühsozialistischen Schriften von Wilhelm Weitling, Louis Cabet und Julius Fröbel sind zwar im Bibliotheksbestand erkennbar, allerdings ist deren Bedeutung – trotz der biographischen Bezüge der Frühsozialisten zu den Deutschamerikanern – auf Grund der Ausleihzahlen als gering einzuschätzen. Damit ist eine der Arbeitermythen, nämlich die Behauptung einer historischen Kontinuität der erwachenden Klasse in einem marxistischen Weltbild, empirisch nicht überzeugend verifizierbar.

Ein anderer Mythos des marxistischen Bildungskonzeptes fordert die wissenschaftliche Analyse von konkreten Problemen. Doch sind die Schriften zu unmittelbaren Arbeits- und Alltagsproblemen in den USA, mit Ausnahme der Schriften über Alkohol und Prohibition, auf geringes Interesse gestoßen. Kongreßberichte, Schriften zu Streiks und Gewerkschaftsaktivitäten oder zu Gerichtsprozessen wurden nicht ausgeliehen. Marcel Atze vermutet, daß die Lektüre solcher Denkschriften und auch der theoretischen Sozialistika durch die Tageszeitungen, Zeitschriften, Versammlungen und Vorträge ersetzt wurde. Zudem sind diese Broschüren häufig sehr preiswert gewesen, so daß wahrscheinlich einige Arbeiter dieselben besessen haben, „obgleich der schriftenhortende Arbeiterleser ein beliebter propagandistischer Topos im Rahmen der weltanschaulichen Mobilmachung war“. (S. 252)
Anarchismus

Hervorzuheben ist, daß der Bibliotheksbestand eine erstaunliche Fülle an anarchistischen Schriften enthält. Johan Henry Mackays „Sturm“, Ferdinand Wiesens „Die Civilisation des 19. Jahrhunderts“, Pierre Ramus‘ Biographie des Anarchisten William Godwin und die vollständige Monatsschrift „Internationale Bibliothek“ gehören ebenso dazu wie die Revolutionsschriften von John Most und die gesammelten Reden der Chicagoer Anarchisten, die im aufsehenerregenden „Haymarket Riots“-Prozeß die Öffentlichkeit in den USA bewegt haben.
Naturwissenschaft und Belletristik

Die Analyse der Ausleihen zeigt deutlich, daß die Darwin-Rezeption in den sozialistischen Texten in der Arbeiterbildung eine wichtige Rolle gespielt hat. Ludwig Büchners „Kraft und Stoff“, Edward Avelings „Die Darwinsche Theorie“ und die Schriften von Ernst Haeckel oder Arnold Dodel sind die beliebtesten Bücher neben den zahlreichen belletristischen Titeln, vor allem utopistische und Unterhaltungsromane, die eine eskapistische Lektüre ermöglichten. Edward Bellamys „Rückblick aus dem Jahr 2000 auf 1887“, Franz Adam Beyerleins Roman „Jena oder Sedan“, Georg Hirschfelds „Der Wirt von Beladuz“, Victor Hugos „1793“ und vor allem Hermann Sudermanns „Frau Sorge“ sowie Fritz Reuters Dramen verdeutlichen, daß auch unter Arbeitern die Unterhaltungsliteratur beliebter gewesen ist als die politische, gesellschaftskritische oder politisch interpretierbare Belletristik von Ernst Toller, Bertha von Suttner oder Maxim Gorki.

5. Kritik und Bewertung des kommentierten Katalogs

Der Katalog bietet zum einen eine Ergänzung zur Geschichte der sozialistischen Deutschamerikaner. Dazu gehört, daß zahlreiche, in Bibliotheken selten oder gar nicht nachgewiesene Schriften wie beispielsweise die Sammlung „The Scarlet Review“ mit Texten von Ivan Turgenjev, Rudyard Kipling, Henrik Ibsen, Walt Whitman u.a., die Anthologie anarchistischen Reden „Die moderne Gesellschaft“, Alexander Jonas‘ sozialistisches ABC „Reporter und Sozialist“ oder Meta Lilienthal Sterns Borschüre „Für Frauenstimmrecht“ jetzt wieder bibliographisch nachgewiesen sind.

Die Alltagssituation der Deutschamerikaner zwischen Tradition und Akkulturation wird nachlesbar in Zeitungen wie „Das Echo“ – ein Wochenblatt, aus dem vierzehn Artikel abgedruckt sind – und in den Biographien der deutschen Sozialisten wie Wilhelm Ludwig Rosenberg, und Josef Jodlbauer, deren Leben und Schaffen Marcel Atze genau recherchiert und einprägsam nachgezeichnet hat. Damit ist der Katalog ein Beitrag zur Nachmärzforschung und deutsch-amerikanischen Geschichte.

Ein zweites Verdienst besteht in der empirischen Grundlegung der Arbeiterlesesoziologie anhand einer geschlossen überlieferten Arbeiterbibliothek, deren Nutzung Aufschluß gibt über die Lesebedürfnisse der Arbeiter und die Leseerwartungen der sozialistischen Pädagogen und Theoretiker. Gleichzeitig macht das Beispiel der Bibliothek der Deutschen Sozialisten in Cleveland / Ohio auch deutlich, daß weitere lokale Studien notwendig sind. Denn über die Trägerschaft der Bibliothek, die Gründungsmotive und die genauen finanziellen und organisatorischen Strukturen kommt auch diese Publikation nicht ohne Vermutungen, Hypothesen und Plausibilisierungsstrategien aus.

Claude D. Conter, M.A.
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
An der Universität 5
Neuere deutsche Literaturwissenschaft
D-96045 Bamberg
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Diese Rezension wurde betreut von unserem Fachreferenten PD Dr.Arno Mentzel-Reuters. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

Anmerkungen

[1] Vgl. Karl Birker: Die deutschen Arbeiterbildungsvereine 1840–1870 (Publikationen zur Geschichte der Arbeiterbewegung; 10) Berlin: Colloquium Verlag 1973; Josef Olbrich: Arbeiterbildung nach dem Fall des Sozialistengesetzes (1890–1914). Konzepte und Praxis. Braunschweig: Westermann 1982; Dieter Langewiesche und Klaus Schönhoven: Arbeiterbibliotheken und Arbeiterlektüre im Wilhelminischen Deutschland. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 16 (1976), S. 135–204. zurück…

[2] Vgl. Hans-Josef Steinberg: Lesegewohnheiten deutscher Arbeiter. In: Peter von Rüden (Hg.): Beiträge zur Kulturgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung 1848–1918. Frankfurt / M. u.a.: Büchergilde Gutenberg 1981, S. 261–280. zurück…

Eingemauerte Bücher. Wer im Bereich der Arbeiterbildung nach Sensationellem sucht, der wird in der Regel bald enttäuscht aufgeben, wenn er nicht bereits im Anlauf resigniert hat. Aber es gibt offenbar wirklich keine Regel, die nicht der Bestätigung durch die Ausnahme bedarf.

Rezension in: AW – 06/2002 – 56. Jahrgang, Hugo Pepper

So galt es geraume Zeit als gesichert, dass sich in den USA kein Buchbestand ehemaliger deutscher Arbeitervereine befinde. Durch einen Zufall war es möglich, diese Annahme faktisch zu widerlegen. Der Umbau eines historischen Hauses in der Altstadt von Cleveland im Bundesstaat Ohio bot dazu die Gelegenheit. Ein bei Ford beschäftigter Elektriker hatte das 1860 von einem deutschen Einwanderer errichtete Steingebäude erworben und begann es – Stockwerk für Stockwerk – zu renovieren. Dabei stieß er hinter einer lockeren Täfelung auf ein vermauertas Gelass, in dem sich die dort verborgene Bücherei des „Sozialistischen Bildungsvereins Eintracht“, einer Zweigorganisation der amerikanischen Sozialistischen Partei, fand, zu deren namhaftesten Mitgliedern zu Zeiten auch die Autoren Jack London und Upton Sinclair gezählt haben. Der legendäre Gewerkschaftsführer Eugene Debs hat 1912 als sozialistischer Präsidentschaftskandidat immerhin fast eine Million Stimmen erhalten.

“Some German Junk”

Der neue Eigentümer des ehemaligen Arbeitervereinshauses kam eher zufällig ins Gespräch mit dem bundesdeutschen Konsul in Cleveland, Peter Schoenwaldt, der später in Wien als Kulturattaché wirkte, wobei er zu einem der bedeutenden Förderer der großen Kurt-Tucholsky-Ausstellung im Künstlerhaus werden sollte. Schoenwaldt bekam zu hören, dass sich im Hause 4308, Franklin Boulevard, „some German junk“ („irgendein deutsches Glumpert“) gefunden hätte – übrigens darunter auch Reste einer illegalen Whiskybrennerei aus der Alkoholverbotszeit („Prohibition“).

“Untergrund”

Der „German junk“ erwies sich als ein Bücherbestand von sechshundert Bänden sowie einigen gebundenen Jahrgängen der deutschsprachigen Arbeiterzeitschrift „Echo“, die nicht nur in Cleveland, sondern in ganz Ohio verbreitet worden war. Nach dem Kriegseintritt der USA 1917 geriet die pazifistische deutsche Arbeiterbewegung in den USA unter Druck, und in den frühen zwanziger Jahren – als Nachwirkung der Russischen Revolution – verfiel die gesamte politische und gewerkschaftliche Linke der Repression. Das war die Zeit, in der man in den Untergrund ging und die Bücher einmauerte, übrigens zusammen mit einem großen Marx-Porträt und einem Bild der Brüder Scheu aus Österreich. Noch 1912 waren von den 83.000 „Deutschstämmigen“ in Cleveland mehr als 42.000 Österreicher.

Diese und weitere Angaben über die deutsch-amerikanische Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sind dem sorgfältig gestalteten Band „Die Bibliothek der deutschen Sozialisten, Cleveland/Ohio. Eine wiederentdeckte Arbeiterbibliothek in ihrem zeitgenössischen Kontext“ zu entnehmen, für dessen Herausgabe Peter Schoenwaldt gesorgt hat (Wien: Inlibris 2001). Es war dabei nicht nur ein Buchbestand von mehr als sechshundert Bänden in entsprechenden bibliographischen Details zu erfassen. Es wurden auch die wesentlichen zeitgenössischen Publikationen in knapp gehaltenen, informativen Inhaltsangaben erfasst.

“Union-Label”

Der so entstandene Katalog ist überdies reichlich illustriert, und man kann aus den faksimilierten Titelseiten entnehmen, dass der Buchbestand zum Teil aus dem deutschen Sprachraum importiert worden ist, aber großteils von deutsch-amerikanischen Druckereien hergestellt wurde, etwa in Chicago. Kennzeichnend ist, dass diese Bücher und Broschüren stets den obligaten „Union-Label“, den gewerkschaftlichen Ursprungsvermerk, aufweisen. „Ein Rückblick aus dem Jahr 2001“ – in Anlehnung an das fast gleichnamige Buch von Edward Bellamy, im Bestand der Clevelander Bibliothek – bietet eine umfängliche Einführung in die Geschichte der deutsch-amerikanischen Arbeiterbewegung, deren Fundament die politische Emigration nach der Niederlage der Revolution von 1848 gebildet hat.

Der Buchbestand ist in den Jahren zwischen 1845 und 1925 entstanden und gewachsen und dürfte etwas mehr Belletristik enthalten haben als schließlich aufgefunden worden ist. Darin finden sich nicht nur die marxistischen Klassiker und zeitgenössische politische Literatur, sondern auch ältere Publikationen aus der österreichischen Sozialdemokratie, vom Linksradikalen – als Anarchisten verschrieenen – Johann (John) Most über die Brüder Scheu bis zu Max Adler und Rudolf Hilferding („Das Finanzkapital“).

Auch Karl Kautsky ist mit einer erheblichen Anzahl seiner Werke vertreten. Überraschend taucht im Buchbestand der nachmalige österreichische Bundespräsident Michael Hainisch mit der schmalen Schrift „Der Kampf ums Dasein und die Sozialpolitik“ auf, die er 1899 verfasst hat.

Terroristische Repression

Was da Mitte der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hastig eingemauert worden ist, drängt zur Frage nach den innenpolitischen Zuständen, die damals in den USA herrschten. Der Schock, den die Russische Revolution dem amerikanischen Besitzbürgertum angesichts einer sich zunehmend radikalisierenden Arbeiterbewegung in den USA versetzte, hatte zur terroristischen Repression geführt. Upton Sinclair hat die Situation in seinem Roman „100 Prozent“ (übersetzt von der Österreicherin Hermynia zur Mühlen) treffend beschrieben: Kapital, Verbrechertum und Justiz bildeten eine unheilige Allianz zur Vernichtung der gewerkschaftlich und politisch organisierten Arbeitenden. Einen der Höhepunkte bildete der Prozess gegen die fälschlich des Raubmordes beschuldigten italienischen Einwanderer Sacco und Vanzetti: Er endete nach sieben Jahren mit einem doppelten Justizmord.

Die in den Büchern der Clevelander Arbeiterbücherei enthaltene Information bildet gewissenmaßen die Rampe, über die es in die nur im Umriss angedeutete soziale Tragödie ging, in deren Verlauf Bücher hinter Mauern verborgen werden mussten.

Eine wiederentdeckte Arbeiterbibliothek in ihrem zeitgenössischen Kontext.

Rezension in: Bücherschau 154 – 1/02 – Jänner bis März 2002, Hugo Pepper

M. S/W-Abb. Wien: Inlibris 2001. 328 S., Ln.
ISBN 3-9500813-6-4.

Sensationen im allgemein eher stillen Arbeiterbildungsbereich sind selten. Die Entdeckung einer politischen Bibliothek in einem abgemauerten Versteck in einem 1860 in Cleveland errichteten Gebäude darf wohl als sensationell gewertet werden. Der mittlerweile emeritierte bundesdeutsche Diplomat Peter Schoenwaldt, der den bemerkenswerten Buchbestand aufgestöbert hat, sorgte für dessen Katalogisierung und Kommentierung und damit für die Dokumentation eines Buchbestands der in den Jahrzehnten zwischen 1845 und 1925 auf mehr als 600 Exemplare gewachsen war. Aber darüber hinaus sieht sich der Leser mit einem bedeutenden Ausschnitt aus der Geschichte der von deutschen Einwanderern (deutschen und österreichischen Emigranten seit 1848) bestimmten Arbeiterbildung konfrontiert.

Sie setzt mit der Zeit der 48er Revolution ein und endet in der „antibolschewistischen“ Hysterie, welche die USA nach dem Sieg der Russischen Revolution erfasst hat. Unter äußeren Umständen, die Upton Sinclair im Roman „100 Prozent“ dargestellt hat, ist die Bücherei wohl eingemauert worden.

Im Bestand finden sich nicht nur marxistische Klassiker und zeitgenössische politische Literatur, die Band für Band bibliographisch und meist auch inhaltlich glossiert werden. An österreichischen Autoren finden sich neben Hilferding und Max Adler die Brüder Scheu, der Linksradikale Johann Most sowie der österreichische Bundespräsident Michael Hainisch (mit einem sozialpolitischen Werk, 1899).

Der Text eines Interviews mit dem Entdecker, Peter Schoenwaldt, „Ein Rückblick aus dem Jahr 2001“ auf eine dramatische Phase der (deutsch-)amerikanischen Arbeiterbewegung, sowie eine Auswahl aus deren zeitgenössischen Organ „Echo“ runden den Band ab, der zeitgeschichtlich und literarisch interessierte Leser ansprechen, aber auch die Aufmerksamkeit von Bibliothekaren finden sollte (Inlibris Verlag, Hugo Wetscherek, 1010 Wien, Rathausstraße 19, Tel. 01/409 61 90).

www.buecherei.at

Die Bibliothek der Deutschen Sozialisten Cleveland/Ohio. 2104. Die Bibliothek der Deutschen Sozialisten Cleveland, Ohio. Kommentierter Katalog des historischen Buchbestandes. Bearb. von Christopher Frey. Mit einem Essay von Marcel Atze. – Wien: Inlibris, 2001. 328 S. ISBN 3-9500813-6-4: DM 95.00/€ 48.00

Rezension in: Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen. 42 (2001) 3/4. S. 373-373. Claude D. Conter, Bamberg.

Wie eine Arbeiterbibliothek vor dem Ersten Weltkrieg ausgesehen hat, ist in der Lese- und Arbeiterforschung bislang anhand von Bestandsaufnahmen und Verz. rekonstruiert worden. Nunmehr liegt eine Arbeiterbibliothek als physisch-materielles Ensemble vor. Zufällig ist 1970 ein während der Prohibitionszeit versteckter Raum mit einer aus der zweiten Hälfte des 19. Jh. gegründeten Arbeiterbibliothek entdeckt worden, deren kommentierte Katalogisierung jetzt zugänglich ist. Die Systematisierung der Bücher und Zeitschriften, der Aufbau des Bestandes und vor allem die auf Grund einmontierter Ausleihzettel in den Publika ermöglichte Auswertung der Lektüregwohnheiten gibt Aufschluß über die Lesevorlieben der deutschamerikanischen Arbeiter und über die bibliopädagogischen Bemühungen der Bibliothekare. M. Atze weist in seinem Essay darauf hin, daß die propagandistische sozialistische Bildungsparole „Wissen ist Macht, Macht ist Wissen“ und das vor allem in der Literatur geprägte Bild des lesenden Arbeiters konfligiert mit den lesesoziologischen Bedingungen: Die schwindende Lesezeit bei einem mehr als Zehn-Stunden-Arbeitstag und das Bedürfnis nach einer eskapistischen, von den Strapazen erholenden Leseerfahrung sind nur zwei Kennzeichen der sozialistischen Arbeiterbibliothek in Amerika, deren Organisation und Benutzung auch plausible Erkenntnisse über die Arbeiterbibliotheken im Wilhelminischen Reich zulassen. – Auffallend sind beispielsweise das geringe Interesse an den zahlreich vorhandenen theoretisch-marxistischen, politischen und gesellschaftswissenschaftlichen Büchern zu Gunsten von belletristischer, publikumswirksamer Unterhaltungsliteratur: F. Reuter, H. Sudermann oder der Utopist E. Bellamy. Für die empirische Leser- und Arbeiterforschung ist der Katalog mit 100 Abb., 14 Artikeln aus der Wochenzeitung der Clevelander Sozialisten Das Echo und einem Interview mit dem deutschen Diplomaten P. Schoenwaldt, der die Bibliothek 1970 erworben hat, eine wichtige Materialsammlung, die zudem eine notwendige Ergänzung und Grundlage für die Lesersoziologie und die Bibliothekswissenschaften ist.

Die Bibliothek der Deutschen Sozialisten Cleveland, Ohio: kommentierter Katalog des historischen Buchbestandes / bearb. von Christopher Frey.

Mit einem Essay von Marcel Atze.

Rezension in: Bibliothek. Forschung und Praxis. Jahrgang 27 (2003) Nr. 1/2, Dieter Schmidmaier

Wien: Inlibris, 2001. 328 S. (Antiquariat INLIBRIS; 10) – ISBN 3-9500813-6-4.

Die Gründung der Bibliothek der Deutschen Sozialisten in Cleveland dürfte auf die Mitte des 19. Jh. zurückgehen, ihre Sistierung erfolgte 1929. Um die Bestände vor der Vernichtung zu retten, wurden sie kurzerhand in einen Raum des Vereinshauses eingemauert und 1970 von dem Diplomaten Peter Schoenwaldt wiederentdeckt. Vorwiegend diesem Schicksal verdankt sie ihre heutige Bedeutung, denn wichtige Werke der Arbeiterbewegung wurden so der Nachwelt erhalten. Die Veröffentlichung enthält eine umfangreiche historische Darstellung der Agitations- und Arbeiterbildungsbibliothek und den kommentierten Katalog ihres Bestandes. Der Bestand umfaßt 600 Bände aus den Jahren 1845 bis 1925, die für den Katalog in 477 Titelaufnahmen erfaßt wurden. Die Anordnung der Titel folgt der ursprünglichen Bibliothekseinteilung in zehn Signaturgruppen, innerhalb dieser wurde nicht nach laufender Nummer, sondern nach den Prinzipen der Nominalkatalogisierung gereiht. Zu den Seltenheiten gehören die Veröffentlichungen aus dem Umkreis der sog. „Chicagoer Anarchisten“, die Werke des aus Deutschland ausgewiesenen Revolutionärs John Most, die Privatsammlung des deutschen Schriftstellers und Pädagogen Wilhelm Ludwig Rosenberg, der als Generalsekretär der Deutschen Sozialisten Amerikas über mehrere Jahre hinweg die „Central-Vertriebs-Stelle Sozialistischer Schriften“ in New York leitete, der Besitz des tschechischen Schriftstellers und Journalisten Václav Šnajdr und des Bibliothekars der Bibliothek Paul Pechiny.
Über den heutigen Besitzer der Bibliothek konnte der Rezensent keine Angaben finden.

www.bibliothek-saur.de/2003_1/129-141.pdf

The Literature of American Library History, 2001-2002.

Rezension in: Libraries & Culture 39:2 (2004), S. 179/203, Edward A. Goedeken

[…] From another direction we can remember that once upon a time workers‘ libraries were common throughout the eastern part of this country, but our knowledge of their collections is rather limited. Thus, the publication of the annotated catalog of a nineteenth-century German Socialist library located in Cleveland, Ohio, provides a unique window into the reading habits of this fascinating segment of American society. […]

Christopher Frey, ed., Die Bibliothek der deutschen Sozialisten, Cleveland/Ohio (Vienna: Antiquariat Inlibris, 2001)

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Hemecker, Wilhelm. Rilke in Wien. Begleitbuch zur Ausstellung "Haßzellen, stark im größten Liebeskreise". Rilke und das k. u. k. Kriegsarchiv (= Österreichisches Literaturarchiv, Katalog 1). Wien, Inlibris, 1998. 128 Seiten, ca. 100 Abbildungen und ein gefaltetes Faksimile. Broschiert (17 x 21,5 cm).

128 Seiten, ca. 100 Abbildungen und ein gefaltetes Faksimile. Broschiert (17 x 21,5 cm).

EUR 16.00

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Rezension in: Sichtungen 2 (1999), S. 258-260, Hemecker, Wilhelm.

Jahrestagung der Rilke-Gesellschaft Ausstellung: »›Haßzellen, stark im größten Liebeskreise‹ Rilke und das k. u. k. Kriegsarchiv«

[…] Als erste Nummer der Reihe »Österreichisches Literaturarchiv – Kataloge« ist – ursprünglich als Begleitbuch zur Ausstellung – eine Monographie mit über hundert, teils farbigen Abbildungen erschienen (Wilhelm Hemecker: Rilke in Wien. Wien: Inlibris 1998). Aufgrund zahlreicher neuer Quellen dokumentiert sie erstmals ausführlich das Jahr 1916, in dem Rilke zusammen mit Franz Theodor Csokor, Alfred Polgar und Stefan Zweig im k. u. k. Kriegsarchiv »Dicht-Dienst« verrichten sollte. Zugleich begleitet der Band in Text und Bild den Dichter durch den Alltag und durch Fürstenhäuser, zu Karl Kraus und zu Hugo von Hofmannsthal in Rodaun und bietet Einblick in die Werkstatt des Dichters: das von einem Gemälde Kokoschkas inspirierte, lange verschollene Gedicht »Haßzellen, stark im größten Liebeskreise …« ist zu dieser Zeit entstanden und liegt als Faksimile dieser ersten Monographie zu Rilke in Wien bei.

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Matuschek, Oliver (Bearb.). Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig. Mit kommentiertem Abdruck von Stefan Zweigs Aufsätzen über das Sammeln von Handschriften (= Katalog 15). Wien, Inlibris, 2005. 432 Seiten. Leineneinband. 24,5 x 18 cm. Mit ca. 100 Abbildungen und einem vollfarbigen Faksimile als Beilage.

432 Seiten. Leineneinband. 24,5 x 18 cm. Mit ca. 100 Abbildungen und einem vollfarbigen Faksimile als Beilage.

EUR 68.00

Book reviews

Zweigs Heldengalerie

Rezension in: Der Spiegel, 2006, Johannes Saltzwedel

Alle waren sie beisammen, die Lichtgestalten der europäischen Moderne: Leonardo da Vinci und Heinrich von Kleist, Kant, Casanova und Einstein. Von ihnen und Hunderten weiterer Geistesgrößen besaß der Schriftsteller Stefan Zweig (1881 bis 1942) einst eine Handschrift. Erst das Exil zwang den Bestsellerautor, seine legendäre Autografensammlung aufzulösen. Jetzt hat der Zweig-Experte Oliver Matuschek, 34, die Kollektion in einem Katalog rekonstruiert (Verlag Inlibris). An die tausend Reliquien konnte er dokumentieren, darunter Raritäten wie ein Gedicht Hölderlins mit Echtheitsbestätigung durch Eduard Mörike oder Notizen über einen Marmorblock von der Hand Michelangelos. Auch Bizarres ist in der Heldengalerie zu finden: Mozarts Ehevertrag mit Constanze Weber, ein verunglücktes Klavierduett des Hobby-Komponisten Friedrich Nietzsche und ein Kompass aus dem Nachlass Beethovens. Sogar Redeskizzen Adolf Hitlers von 1928 sind dabei: Zweig, allzeit von welthistorischen Gestalten fasziniert, erstand diese 13 Seiten im August 1933 für 1000 Reichsmark; wenig später nahm er sie mit ins Exil wie einen düsteren Fetisch.

Stefan Zweigs edles Laster

Rezension in: Neue Zürcher Zeitung, 4. März 2006, Paul Jandl

Dass es „mit dem Sammeln“ vorbei sei, weil man jetzt Mühe genug habe, „sich selber zu sammeln“, schreibt Stefan Zweig 1935 aus seinem Londoner Exil. Kurz darauf wird ein Grossteil seiner wertvollen Autographensammlung an den Schweizer Martin Bodmer verkauft. In den Handschriften grosser Geister hat der Autor der „Welt von Gestern“ eine „spektrale Gegenwart“ gesehen, und fünf Jahrzehnte lang hat er ein Vermögen geopfert für diesen immateriellen Besitz. Ob Goethe, Luther, Casanova, Leonardo da Vinci, Beethoven oder Thomas Mann – rund tausend Manuskripte und Reliquien gehörten einmal zu Stefan Zweigs Sammlung. Wo der Präzisionsfanatiker Zweig stets gescheitert ist, dort kommt der Historiker und Zweig-Kenner Oliver Matuschek jetzt ans Ziel. Mehr als sechzig Jahre nach dem Freitod des Schriftstellers legt er jetzt den ersten Gesamtkatalog der Sammlung vor. „Ich kenne den Zauber der Schrift“ ist das Buch nach einem Zweig-Zitat betitelt. Es ist ein philologischer Glücksfall und eine Fundgrube dazu. Was nicht nur an den zahllosen Abbildungen handschriftlich fortlebender Dichter und Denker liegt, sondern auch an Matuscheks Essay zur Geschichte von Stefan Zweigs schillernder Kollektion. Mit ironischer Distanz wird dort Zweigs edlem Laster begegnet, es wird das Wertvolle gewürdigt, aber auch das Kuriose. „Rarissimum“ vermerkte Stefan Zweig 1933 auf der Katalogkarte eines Objekts, das er soeben für viel Geld erworben hatte. Das Konzept einer aussenpolitischen Ansprache von Adolf Hitler findet sich als Katalognummer 333 in der Sammlung direkt vor Friedrich Hölderlins Handschrift des Gedichts „An die Deutschen“.

Späte Vollendung

Rezension in: Literaturkritik.de, April 2006 / Nr. 4, H.-Georg Lützenkirchen

Der Band „Ich kenne den Zauber der Schrift“ führt erstmals fast 1000 Handschriften aus Stefan Zweigs berühmter Autografensammlung in einem Katalog zusammen

„Der Bibliophile sucht die Form, die vollendete Form eines Kunstwerks, der Autographensammler die Urform, die unvollendete, in der noch die Schöpfung gärt; jener den Schlußpunkt, die vorläufig endgültige, dieser den Anfang, den Urzustand des Werks. Der Bibliophile will das Werk, das Objekt spüren, der Autographensammler das Subjekt, den Autor.“

Stefan Zweig schrieb das 1923 in einem Artikel zur Verteidigung seiner „Liebhaberei“ des Sammelns von Autografen gegen das Unverständnis vieler Zeitgenossen. Stefan Zweig pflegte diese Leidenschaft, die wohl einst in schwärmerischen Schulzeiten begonnen hatte, als es in Wien zum Ende des 19. Jahrhundert keineswegs ungewöhnlich war, wenn man in jugendlicher Begeisterung von umschwärmten Zeitgenossen, den angesagten Schriftstellern, Burgschauspielern, Opernsängerinnen und Komponisten ein ‚Autogramm‘ zu erhaschen suchte.

Zweig aber blieb der Sache auch als erwachsener Mensch treu. Für ihn wurde das Sammeln von Autographen im Laufe der Jahre zu einer stillen, aber intensiv betriebenen Passion. Und so wurde Stefan Zweig zu einem der wichtigsten Autografensammler seiner Zeit.

Das sprach sich nicht nur unter Fachleuten herum. Seine Berühmtheit und die seiner Sammlung übte auch auf manchen Schriftstellerkollegen einen gewissen Reiz aus. So kam beispielsweise 1920 unaufgefordert ein Einschreiben aus München bei Zweig an: „Werter Herr Doktor Zweig,“ so hieß es im Begleitbrief, „Alexander Eliasberg […] erzählt mir von Ihrer Manuskript-Sammlung, die schon so reichhaltig ist, daß auch etwas Geschriebenes von mir Ihnen vielleicht willkommen sein werde. Da das eine Art von Gelegenheit ist, Ihnen ein Zeichen meiner herzlichen Wertschätzung – ein schwaches Zeichen – zu geben, so schicke ich Ihnen ein paar Blätter, das Manuskript der Skizze ‚Die Hungernden‘ […] mit der Bitte, sie als Geschenk von mir anzunehmen. Ihr ergebener Thomas Mann.“

Immer wieder sah der Sammler Zweig sich aber auch einem gewissen Unverständnis seiner Zeitgenossen ausgesetzt. Mit nur wenigen Menschen ließ sich die Begeisterung beim stillen Betrachten der Autografen so teilen wie mit dem Freund Romain Rolland, der selbst bedeutende Musikautografen besaß. Boshaft äußerte sich später einmal Elias Canetti über diese „Weihestunden“. In der Betrachtung der Dokumente äußere sich eine „Charakterschwäche“, wenn der „erbärmliche Wicht“ Zweig derart versuche, sich eine gewisse Größe zu verleihen.

Stefan Zweig wusste sehr wohl, dass seine Sammelleidenschaft zuweilen den zwiespältigen Eindruck einer privatistischen „Autographenhamsterei“ erregte. Zu begegnen versuchte er dem mit sanft-energischen Widerreden, die er in Fachzeitschriften und Feuilletons veröffentlichte. Hierzu gehört auch der Artikel „‚Ein Blättchen Papier…‘ Eine Apologie des Autographensammelns“, aus dem das einleitende Zitat entnommen ist. In diesem Falle reagierte Zweig auf eine Polemik, in welcher ein unbekannter Autor seine abschätzige Verwunderung über die „enormen Preise“, die ein Sammler für so „ein Blättchen Papier“ zu zahlen bereit gewesen war, geäußert hatte. In den Texten ging es Zweig zumeist darum, seine private Leidenschaft als ein Sammlerinteresse zu erläutern, das nicht nur zum Ausgangspunkt seines schriftstellerischen Schaffens werden konnte, sondern dem darüber hinaus auch ein allgemeiner kultureller Mehrwert innewohnte.

Gerade deshalb war die Katalogisierung der im Salzburger Wohnhaus am Kapuzinerberg zusammen mit einer fast 4000 Bände umfassenden Fachbibliothek von Auktions- und Sammlungskatalogen aufbewahrten Sammlung von Bedeutung. Ein bebilderter, schön gestalteter Katalog hätte der Sammlung eben jene über alles Privatistische hinausgehende objektive Würdigung verliehen. Doch alle Versuche Zweigs, dieses Unternehmen seit den 20er Jahren erfolgreich zu verwirklichen, gingen fehl. Stattdessen veränderten sich ab 1933 die Lebensbedingungen Zweigs. Der Österreicher wurde zum Emigranten, für den sich die Bedeutung seiner Sammlung veränderte. Nur noch wenige herausragende und ihm persönlich sehr viel bedeutende Stücke wollte er sich erhalten. Der Rest der Schriften wurde verkauft. Wesentliche Teile befinden sich heute im Besitz der Foundation Martin Bodmer, der British Library sowie dem Österreichischen Theatermuseum.

Der vorliegende Band ist eine verspätete Vollendung des Wunschs nach einem Katalog der Zweig’schen Sammlung. Im Katalogteil des Buches sind „annähernd 1000 Autographen, die sich früher im Besitz Stefan Zweigs befanden“ verzeichnet. „Damit“, so preist der Einleitungstext des Bands, „ist die Sammlung erstmals in einem Verzeichnis nahezu komplett zusammengefaßt.“

Darüber hinaus versammelt der Band 23 Aufsätze, die Stefan Zweig „über das Sammeln von Handschriften“ seit 1916 veröffentlicht hatte.

Der kenntnisreich und interessant zu lesende Text „Stefan Zweig als Autographensammler“ erläutert die Geschichte der Sammlung im Kontext der Lebensgeschichte ihres Begründers, Stefan Zweig.

Stefan Zweig: Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig. Mit kommentiertem Abdruck von Stefan Zweigs Aufsätzen über das Sammeln von Handschriften. Bearbeitet von Oliver Matuschek. Inlibris Verlag, Wien 2005. 432 Seiten, 68,00 EUR. ISBN 3950180915.

Experten empfehlen. Kenner der Materie stellen ihre Fachbuch-Favoriten vor

Rezension in: Börsenblatt des Deutschen Buchhandels, Sondernr. 3, 25.04.2006, Joachim Seng
Wiss. Mitarbeiter im Freien Deutschen Hochstift

Stefan Zweig war nicht nur ein vielgelesener Autor, sondern auch passionierter Autographensammler. Fast 1000 Handschriften verzeichnet das wunderbare Buch, das erstmals seine bedeutende Sammlung und deren aufregende Geschichte rekonstruiert: Denn mit der Emigration 1933 löste Zweig seine Sammlung auf. So ist das Buch zugleich eine kleine Kulturgeschichte mit einer Porträtskizze Zweigs.

Stefan Zweig: „Ich kenne den Zauber der Schrift.“ Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig. Inlibris Verlag, Wien 2005, 432 S., 68 Euro

Er kannte den Zauber der Schrift

Rezension in: Die Welt, 25.11.2006, Ulrich Weinzierl

[…]

Der junge Historiker und Politologe Oliver Matuschek wiederum nennt seine Zweig-Biografie „Drei Leben“. So hätte Stefan Zweigs bewegendstes Buch, die postum erschienenen Erinnerungen „Die Welt von Gestern“, ursprünglich heißen sollen. Matuschek stützt sich vor allem auf bis dato unbekannte familiengeschichtliche Dokumente, um ein differenzierteres Bild des Menschen Stefan Zweig und seines sozialen Umfelds zu zeichnen. All dies ist äußerst verdienstvoll. Und dennoch: Den wichtigsten Beitrag zum Zweig-Jahr hatte Oliver Matuschek längst geleistet.

Mit seinem kommentierten Katalog von Zweigs Autografensammlung „Ich kenne den Zauber der Schrift“ (2005). Denn hier tritt mehr als ein kostspieliges Hobby des Millionärs Zweig in den Vordergrund: Es war seine eigentliche Passion. In den raren Schriftzeugnissen der Geisteshelden glaubte er das Wesen und Wirken der Kreativität erahnen, den Götterfunken erhaschen zu können. Um 1933 verfügte Stefan Zweig über eine der weltweit bedeutendsten Kollektionen in Privathand, wenn nicht gar über die bedeutendste. Eine aberwitzige Pointe der Geschichte: Der ungläubige Wiener Jude Stefan Zweig, dessen Werke im Deutschen Reich nach 1933 verfemt wurden, war der Hüter nationaler Heiligtümer: Er hatte Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ und Joseph Haydns Melodie zur alten Kaiserhymne im Original erworben. Heimlich kaufte er auch das Manuskript einer Rede Hitlers, so als könnte er durch Betrachtung der Schriftzüge erkennen, was der gemeingefährliche Landsmann noch an Massenmörderischem im Schilde führe. War ihm bewusst, wie fatal ähnlich er auf Fotos dem „Führer“ sah?

[…]

Oliver Matuschek: Ich kenne den Zauber der Schrift. Inlibris, Wien 2005. 432 S., 68 Euro

Vom “Zauber der Schrift”. Die Autographensammlung Stefan Zweigs

Rezension in: Aus dem Antiquariat 6/2006, S. 474f, Dirk Heißerer

Ich kenne den Zauber der Schrift. Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig. Mit kommentiertem Abdruck von Stefan Zweigs Aufsätzen über das Sammeln von Handschriften. Bearbeitet von Oliver Matuschek. Wien: Inlibris, 2005, 432 S., geb., mit ca. 100 Abbildungen und einem mehrfarbigen Faksimile des korrigierten Zweig-Typoskripts ‚Die Autographensammlung als Kunstwerk‘ (1914). 68 Euro, ISBN 3 -9501809-1-5. Matuschek, Oliver: Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie. Frankfurt/M.: S. Fischer, 2006, 406 (10) S., geb., 19,90 Euro, ISBN 3-10-048921-7.

Gedenkjahre laden ein zur Revision. Bei dem überaus vielseitigen und erfolgreichen Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) ist das im Jahr seines 125. Geburtstags nicht anders. Aber was bleibt von dem Lyriker und Novellisten, dem Übersetzer und Librettisten, dem Biographen und Essayisten? Weiterhin lieferbar sind, neben den ‚Klassikern‘ des einstigen Insel-Erfolgsautors, den ‚Sternstunden der Menschheit‘ (1927) und der ‚Schachnovelle‘ sowie den ‚Erinnerungen eines Europäers‘ an ‚Die Welt von Gestern‘ (beide 1942) vor allem die Biographien zu Maria Stuart, Marie Antoinette, zu Erasmus, Montaigne, Joseph Fouché. Zum ‚Kanon‘ der deutschen Literatur rechnet Marcel Reich-Ranicki freilich nur Zweigs ‚Balzac‘-Studie, und das aus gutem Grund. Balzac ist für Zweig neben Dickens und Dostojewski einer der ‚Drei Meister‘ (1920), der den ‚Kampf mit dem Dämon‘ (1925) ebenso kennt wie Hölderlin, Kleist und Nietzsche und daher, zusammen mit den ‚Drei Dichter(n) ihres Lebens‘ (1928), Casanova, Stendhal und Tolstoi, im Sammelband der drei genannten Titel zu einem der geistigen ‚Baumeister der Welt‘ (1936) ernannt wird. Diese pathetisch-leidenschaftliche Bezeichnung enthält das künstlerische Konzept Stefan Zweigs, die Erkenntnis des schöpferischen Menschen und die literarische Vermittlung einer mit dem jeweiligen Leben verbundenen Werkidee.

Als stimulierendes Hilfsmittel auf der Suche nach dem Wesen des jeweiligen schöpferischen Menschen nutzte Stefan Zweig eine einzigartige Sammlung von zuletzt fast 1.000 Handschriften mehr oder minder berühmter Schriftsteller, Musiker, Philosophen und Politiker, darunter die genannten ‚Meister‘. Daß freilich erst heute der „nahezu komplette“ Katalog der ‚Sammlung Stefan Zweig‘ vorliegt, von Oliver Matuschek akribisch ermittelt und mustergültig kommentiert, dazu mit 23 Aufsätzen Stefan Zweigs zum Thema sowie einem Faksimile ergänzt und nicht zuletzt vom Wiener Antiquariat Inlibris aufwendig in einem reich bebilderten Leinenband versammelt – dieser späte Umstand hat seine Gründe. Die aus einer Schülerschwärmerei des Wiener jüdischen Kaufmannssohns für Autogramme von Schauspieler- und Operngrößen des Burgtheaters entstandene erste Sammlung wuchs im Lauf der Jahre zu weitaus mehr an als zu einem beachtlichen Fundus berühmter Namen. Zweig hatte den Anspruch, mit den Autographen zum schöpferischen Zentrum des jeweiligen Schreibenden vorzudringen. Deshalb unterschied er auch das Interesse des Bibliophilen, der auf die „vollendete Form eines Kunstwerks“ aus sei, von der des Autographensammlers, der die noch unvollendete „Urform“ suche, „in der noch die Schöpfung gärt“ (S. 101).

In einer Mischung aus religiösem Reliquienkult um „Goethes heilige Hand“ auf einem teuren „Blättchen Papier“ (ebd.) und magischem Fetischismus mit Goethes und Kants Haarlocken oder Beethovens Schreibtisch entwickelte Stefan Zweig sein eigentümliches „Verständnis von Erinnerungskultur und schöpferischer Tätigkeit“ (S. 15). Freilich ist zu bedenken, daß die für das Judentum so wichtige „Heiligkeit des Niedergeschriebenen, des Kodifizierten“, die Karl Wolfskehl in seinem Aufsatz ‚Die Juden und das Buch‘ (1925) hervorhebt, „andern Glaubensformen“ zwar fremd bleibt, doch für das Verständnis der Ehrfurcht Stefan Zweigs vor der ‚heiligen Schrift‘ des schöpferischen Geistes geradezu unabdingbar ist. Mehr noch, mit Hilfe der Autographen ist Zweig eine vielfache Wiederbelebung abgeschiedener Geister möglich, der „Schriftschatten“ (S. 117) ruft sie zurück und haucht ihnen Leben ein wie der Zettel unter der Zunge des Golem.

Das „Gefühl fast spektraler Gegenwart“ ist allerdings „fühlbar einzig durch Phantasie“, genauer durch „Beschwörung“ (S. 103). Der „Zauber der Schrift“ (S. 13), den zu kennen der 25jährige Sammler in einem Brief an Rainer Maria Rilke im März 1907 sich rühmte, vermittelt zwischen der Handschrift und dem Geist. So ist es auch verständlich, daß Stefan Zweig als Sammler-Forscher zunächst an korrigierten Werkmanuskripten interessiert war; hier war der Schaffensprozeß unmittelbar zu erleben. Besonderes Verständnis für Zweigs Sammlungsansatz verrät Sigmund Freud mit dem Geschenk des Entwurfs seiner Rede ‚Der Dichter und das Phantasieren‘ (1909). Aber auch Reinschriften, wie die einer frühen Erzählung Thomas Manns (‚Die Hungernden‘, 1897) und, in einer besonderen Ausnahme, vier Briefe Mozarts an sein Augsburger Bäsle gelangten in die Sammlung. Ihr Werden und vor allem ihre gezielte Auflösung zu Beginn des Exils wird von Matuschek anschaulich dargestellt. Der Katalog, von Zweig selbst geplant, aber aus verschiedenen Gründen nicht verwirklicht, liegt nun in einer Vollständigkeit und Geschlossenheit vor, die nur noch staunen läßt. Sinnvoll ist die Aufteilung in die beiden Bereiche ‚Literatur, Geschichte, Wissenschaft, Kunst‘ und ‚Musik‘. Die Autographen der einstigen Sammlung Zweig in den vier wichtigsten Institutionen – Fondation Martin Bodmer, Cologny-Genève; The British Library, London; The Jewish National Library, Jerusalem; Österreichisches Theatermuseum, Wien – werden hier erstmals zusammengeführt. Die Aufsätze Zweigs zum Thema ersetzen darüber hinaus ein ganzes Seminar.

Neben dem Katalog legt Oliver Matuschek pünktlich zum Gedenktag am 28. November 2006 auch eine Biographie Stefan Zweigs vor, die unter dem Titel ‚My three lives‘ von Zweig ebenfalls geplant, aber nicht ausgeführt worden war. Gemeint sind damit die drei Lebensabschnitte Zweigs in Wien bis 1919, in Salzburg bis 1933 und danach im Londoner und brasilianischen Exil bis zum Freitod 1942. Verständlicherweise widmet der Biograph, der auch hier viele bislang unbekannte Quellen erschließen konnte, dem Autographensammler Zweig ausführlich Raum. Der Katalog selbst ist allerdings weitaus mehr als nur eine Ergänzung zur Biographie. Er ist selbst ein einzigartiges Dokument der „Welt von Gestern“ und erzählt die Kulturgeschichte des Abendlandes in der Spanne von Leonardo-Zeichnungen über Bach-Kantaten und Schubert-Lieder bis zum Tiefpunkt, dem Konzept einer Hitler-Rede, beispiellos nach.

The Magic of Handwriting

Rezension in: Manuscripts, Vol. 58, No. 2 (Spring 2006) S. 149-152, William Butts

Matuschek, Oliver (editor). Ich kenne den Zauber der Schrift: Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig. [I Know the Magic of Handwriting: Catalogue and History of the Autograph Collection of Stefan Zweig.] Vienna, Austria: Antiquariat Inlibris, 2005. Small 4to. Blue cloth. 432pp. Frontispiece, illustrations. Euros 68 (circa $82.52).

One of the most significant autograph titles of 2005 – an exciting, important, long-overdue volume – is Ich kenne den Zauber der Schrift (I Know the Magic of Handwriting), subtitled Katalog und Geschichte der Autographensammlung Stefan Zweig (Catalogue and History of the Autograph Collection of Stefan Zweig).

Regrettably for many English-language only readers, it will also be one of the more inaccessible titles of 2005, as it is almost entirely in German. But before you commit the reader’s equivalent of channel surfing and skip over to the next review, consider: 1. Austrian writer Zweig (1881-1942) was one of the most important collectors of European music and literary autographs of the first half of the 20th century. 2. Zweig’s significance is largely unknown and unappreciated in the English-speaking world. 3. This volume is the first attempt to catalogue Zweig’s impressive collection and reprint some of his scattered writings on autographs. Keep in mind, too, that the bulk of this book is an annotated list of Zweig’s autograph holdings, and with a bit of patience even the most determined non-German speaker can decipher the basic terminology and enjoy studying Zweig’s fabulous holdings. If all this still fails to persuade by all means surf away, for you are immune to temptations to which an autograph collector should not be immune.

Die Welt von Gestern (The World of Yesterday), Zweig’s poignant 1942 memoir of growing up Jewish in turn-of-the-century Vienna, captured this reviewer’s imagination as a college student in Vienna in the early 1980s. Intense fascination followed as I devoured Zweig’s popular biographies (Balzac, Erasmus, etc.) and some of his fiction, as well as biographies of him and studies of his work. Sights connected to him were tracked down. A „Stefan Zweig Gesellschaft“ (Stefan Zweig Society) that appeared in the Vienna telephone book was telephoned almost weekly for months by the budding Zweigophile eager to share his enthusiasm, but no one ever answered.

Zweig, ever the romantic, brought his psychoanalytic style of writing – not surprising for a Viennese in the Vienna of Sigmund Freud! – to autograph collecting. He delighted in collecting working manuscripts laden with crossouts, corrections, additions – the more the better. He felt that such documents truly revealed the writer’s psyche and laid out the creative process before your eyes. As a beginning writer himself, he felt that studying such manuscripts gave him better insight into the creative process and made him a better writer. Naturally he began by acquiring such pieces from fellow writers and artists, but then quickly began purchasing historic pieces from dealers and at auctions. Such heavily marked manuscripts are well appreciated today, but in Zweig’s day collectors looked askance at such scribblings, favoring the carefully penned Autograph Quotation Signed over any working draft. Zweig pioneered this changing attitude.

Ich kenne den Zauber der Schrift opens with Matuschek’s lengthy essay, „Stefan Zweig als Autographensammler“ (Stefan Zweig as Autograph Collector), a fascinating study of Zweig’s evolution into philographer par excellence. This is followed by 25 brief essays by Zweig, most several pages in length, on various aspects of autograph collecting – the first time these far-flung writings have ever been gathered together under one roof, so to speak. The most famous of these by far is „Die Autographensammlung als Kunstwerk“ (The Autograph Collection as a Work of Art). A superbly done facsimile of the original heavily corrected 7-page typescript of this piece (signed at the top of the first page in the purple ink Zweig often favored) is even laid in a sleeve inside the rear cover. Nice touch, indeed!

But the meat an‘ taters of Ich kenne is of course the 991 alphabetical autograph descriptions that fill 233 of its pages, handily divided into two sections: „Katalog Literatur, Geschichte [history], Wissenschaft [science], Kunst [art]“ followed by „Katalog Musik.“ Each entry consists of a brief description (name of writer, type of document, number of pages, size, etc.), where acquired, current location if known. A fair number are accompanied by illustrations. (Speaking of which, among them are pictured some of Zweig’s custom-printed „Autographen-Sammlung Stefan Zweig“ catalogue cards, filled in by Zweig, and a detailed notebook he kept for his collection – as thrilling to see as some of the documents themselves.)

Zweig’s tastes are clearly catholic, knowing few time or geographical boundaries. Plucking some names randomly from the first section, one finds choice documents from Baudelaire, William Blake, Lord Byron, Charles Darwin, Albert Einstein, Ralph Waldo Emerson, Johann Goethe (many!), Adolf Hitler… on and on, including more English and American pieces than I expected. The second section is rich in heavyweights: Bach, Beethoven, Haydn, Mozart, Wagner. Here Deutschland is indeed uber alles and English and American material is noticeably absent.

So even if your German is limited to Fahrvergnuegen (if you watch television or drive a V.W.) and Fingerspitzengefuehl (if you read Rostenberg and Stern’s books) or is as encrusted as my once-fair Wiener Deutsch, Matuschek’s Ich kenne den Zauber der Schrift is worth scraping off the barnacles and making the effort. The magic of handwriting manages to shine through.

Ich kenne den Zauber der Schrift.

Rezension in : Arbitrium 1/2007, Walter Hettche, Universität München, Institut für Deutsche Philologie, Schellingstraße 3, D-80799 München, walter.hettche@germanistik.uni-muenchen.de

Die 991 Nummern umfassende Autographensammlung, die in diesem Band dokumentiert und mit zahlreichen Abbildungen illustriert wird, existiert nicht mehr. Die kostbaren Handschriften, die Stefan Zweig seit seiner Schulzeit ein halbes Jahrhundert lang zusammengetragen hat, sind zum Teil schon zu seinen Lebzeiten und dann nach seinem Freitod 1942 verschenkt oder verkauft worden. Zweig selbst hat seine Sammlung als ein Kunstwerk eigener Art verstanden, von dem er wünschte, es möge wenigstens in einem Katalog der Nachwelt erhalten bleiben. Dieser Wunsch ist nun, über 60 Jahre nach Zweigs Tod, endlich erfüllt worden: Aus den Antiquariatskatalogen, in denen Zweig seine Schätze nach der Emigration 1933 anbieten ließ, aus erhaltenen Sammlungsmappen und Karteikarten sowie aus Bibliothekskatalogen hat Oliver Matuschek den Bestand rekonstruiert und detailliert beschrieben. „Stefan Zweigs Aufsätze über das Sammeln von Handschriften“ (S. 90-160), die dem eigentlichen Katalogteil vorangestellt sind, waren zwar alle bereits publiziert, aber oftmals in heute nur schwer zugänglichen Periodika, so daß ihr kommentierter Wiederabdruck an dieser Stelle sinnvoll erscheint, zumal Zweigs Ausführungen entscheidend zum Verständnis der ausgeklügelten Komposition seiner Sammlung beitragen.

In seinem 80seitigen Einleitungsessay erzählt Matuschek kenntnisreich und auf der Grundlage vieler bisher ungedruckter Quellen die Geschichte der Sammlung Zweig. Matuschek verliert sich dabei keineswegs im Anekdotisch- Privaten, sondern stellt immer die Verbindung zum zeithistorischen Kontext her, zum Beispiel, wenn es um die Gründe geht, die Zweig kurz nach Hitlers Machtergreifung zum Kauf eines Autographen von der Hand des Diktators bewogen haben mögen (S. 52f.), oder wenn die Umstände von Kauf und Weiterverkauf des Lieds der Deutschen von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben geschildert werden: Zweig hatte das Autograph im Mai 1936 „verhältnismässig sehr billig gekauft“, wollte „das nationalistische Gedicht“ aber nicht in seiner Sammlung haben, sondern „sehr teuer“, nämlich für 2500 Mark, wieder abstoßen (S. 69). Er bot es dem Wiener Antiquar Heinrich Hinterberger an, der postwendend antwortete: „Wie ich Ihnen schon einmal mündlich mitgeteilt habe, habe ich eine sehr gute Verbindung zu einer Persönlichkeit, die gerne geeignete Stücke erwirbt, um sie Adolf Hitler zu schenken. Das in rede stehende Stück eignet sich für diesen Zweck ausserordentlich gut“ (S. 70). Zu Zweigs Beruhigung erwarb schließlich Martin Bodmer das Autograph, in dessen Sammlung es sich bis heute befindet (Fondation Martin Bodmer, Cologny – Geneve).

Die Anfänge von Zweigs Beschäftigung mit Handschriften von Dichtern und Musikern reichen in die Zeit vor der Jahrhundertwende zurück. Einerseits folgte der Schüler damit einem zeitgenössischen Modetrend (vgl. S. 9), andererseits entwickelte der junge Sammler sehr bald auch ein beinahe wissenschaftliches Interesse an den handschriftlichen Zeugnissen schöpferischer Tätigkeit, das für die Struktur seiner Sammlung prägend werden sollte. Es lag ihm nicht viel an Briefen, Albumblättern oder auch nur Reinschriften literarischer Werke, sondern fast ausschließlich an Arbeitsmanuskripten, die den kreativen Akt, den Moment der ,Inspiration‘, der dichterischen Schaffensweise erkennbar werden lassen. Welch kuriose Blüten diese Fixierung auf solche Dokumente trieb, zeigt ein Brief Zweigs an Karl Emil Franzos, in dem er dem Redakteur und Erzähler einige Autographen zum Tausch gegen ein Werkmanuskript aus Franzos‘ Feder anbietet: „Von den Autographen nenne ich nur Wieland 4 Seit[.] langer Brief an Gleim (sehr interessant), Goethe nur ,ergebenst Goethe‘ eigenhändig, behandelt die Betonung des Wortes Hafis, Anzengruber, ein unterschriebenes eigenhänd[.] Billet von Beethoven, sehr drastischen Inhalts […] wenn Sie von diesen etwas interessiert bin ich gern bereit es Ihnen zu überlassen“ (Brief vom 18. Februar 1898; S. 11). Bei allem Respekt vor dem durchaus schätzenswerten Franzos: Hier offeriert der Siebzehnjährige, um ein Manuskriptblättchen des doch eher randständigen Karl Emil Franzos zu erhalten, ein Autographenkonvolut, für dessen Gegenwert man mittlerweile eine kleine Eigentumswohnung erwerben könnte.

In dieser frühen und über Jahrzehnte durchgehaltenen Konzentration auf Arbeitshandschriften liegt indessen auch der wissenschaftliche Wert der Sammlung Zweigs (und damit auch des vorliegenden Katalogs). In seinen Aufsätzen nimmt Zweig Erkenntnisse vorweg, die heute beispielsweise von der französischen critique genetique formuliert werden, etwa, wenn er in dem Aufsatz „Ein Blättchen Papier …“ Eine Apologie des Autographensammelns schreibt, der Autographensammler suche nicht „die vollendete Form eines Kunstwerkes“, sondern „die Urform, die unvollendete, in der noch die Schöpfung gärt; […] den Anfang, den Urzustand des Werkes“ (S. 101). Wenn Zweig in diesem Zusammenhang die Buchpublikation als die „vorläufig endgültige“ (ebd.) Gestalt des Kunstwerks bezeichnet, ist er nicht weit entfernt vom Konzept eines ,dynamischen‘ Textbegriffs, wie ihn unter den heutigen Editionswissenschaftlern zum Beispiel Gunter Martens, Axel Gellhaus und Klaus Hurlebusch vertreten.

Im Katalogteil werden die Autographen alphabetisch nach Autoren angeordnet, und zwar in zwei Teilen getrennt nach „Literatur, Geschichte, Wissenschaft, Kunst“ (S. 163-351) und „Musik“ (S. 353-397). Die Beschreibungen enthalten Angaben zu Umfang und Format, zur Provenienz der Stücke und zu den Quellen, aus denen Oliver Matuschek die Zugehörigkeit des jeweiligen Objekts zur Sammlung Zweig ermittelt hat; diese sind am Schluß des Bandes noch einmal übersichtlich zusammengestellt. Höchst willkommen sind die Informationen über die heutigen Aufbewahrungsorte der Handschriften; in der überwiegenden Zahl der Fälle sind es die Fondation Martin Bodmer in Cologny – Geneve und die British Library in London. Nicht wenige Blätter sind allerdings mittlerweile verschollen. Bei der Lektüre des Katalogteils kann man nur ungläubig staunen, welche Schätze ein – zugegebenermaßen finanziell gut ausgestatteter – Sammler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dem freien Markt erstehen konnte: Notenautographen von Bach, Beethoven und Mozart, eigenhändige Werkmanuskripte von Andreas Gryphius, Heinrich von Kleist, Jakob Michael Reinhold Lenz, Goethe (darunter ein zweiseitiges eigenhändiges Manuskriptfragment aus Faust. Der Tragödie zweiter Teil), Schiller, Hölderlin (15 Nummern, darunter die Elegie Stutgard), Stifter, Kafka – selbst ein gut betuchter Sammler würde heute Schwierigkeiten haben, solche Rarissima im Autographenhandel aufzutreiben. Das besondere Charakteristikum der Sammlung Zweig ist indessen die gute Mischung von Spitzenstücken einerseits und Beispielen der poetae minores andererseits: Joseph Roth in unmittelbarer Nachbarschaft von Otto Roquette, Cäsar Flaischlen eingerahmt von Henry Fielding und Gustave Flaubert, Rudolf Gottschall zwischen Gotthelf und Gottsched – aber auch Adolf Hitler direkt vor Friedrich Hölderlin. Zu den Kuriositäten der Sammlung gehören ein Blatt von der Hand Marianne von Willemers, nämlich ein „[e]igenhändiges Gedicht in Dialogform, von der Autorin im Namen ihrer Hunde unterzeichnet: ,Pudel und Bello'“ (Nr. 801, S. 348) und der „letzte Wäschezettel von Beethoven“ (Nr. 831, S. 358).

Auf einen gewichtigen Teil der Sammlung Stefan Zweig sei hier noch besonders hingewiesen, obwohl er nicht eigentlich zum Gegenstand von Matuscheks Katalog gehört. Es handelt sich um Zweigs rund 4000 Bände umfassende „Bibliothek aktueller und antiquarischer Auktions- und Handelskataloge für Autographen“ (S. 12), die zum großen Teil erhalten geblieben ist und sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und im Archiv des Auktionshauses J. A. Stargardt in Berlin befindet. Die Erstellung von Werk- und Briefverzeichnissen und die Vorbereitung historisch-kritischer Ausgaben ist ohne diese Kataloge kaum möglich, und es ist jedem mit derlei Projekten befaßten Wissenschaftler dringend anzuraten, dieses unerschöpfliche Quellenmaterial zu konsultieren.

Von dem zeit seines Lebens nicht zustandegekommenen Katalog seiner Sammlung hat Zweig sich gewünscht, er solle „sehr genau und wissenschaftlich, dabei auch amüsant“ sein (Brief an Karl Geigy-Hagenbach, 17. Oktober 1928; S. 45). Oliver Matuschek ist es glänzend gelungen, diesen hohen Anspruch zu erfüllen.

Ich kenne den Zauber der Schrift.

Rezension in: Germanistik 48 (2007) 1/2, S. 433, Nr. 2936, Susanne Buchinger, Mainz

Die über 40 Jahre leidenschaftlich gepflegte Beschäftigung mit Handschriften war für den österreichischen Erfolgsautor Stefan Zweig (1881-1942) nicht bloß elitäre „Autographenhamsterei“, sondern Anstoß für eigenes schriftstellerisches Wirken, da er mit Hilfe der (nicht selten kostspieligen) Werkmanuskripte einen Einblick in den geheimnisvollen Prozeß künstlerischen Schaffens zu erhalten hoffte. Ein Katalog hätte seiner einzigartigen Sammlung mit den Schwerpunkten Literatur, Musik und Geschichte objektive Würdigung verliehen, doch ließ sich das seit den 20er Jahren mehrfach in Angriff genommene Projekt nicht abschliefßen. Nach 1933 änderten sich die Lebensbedingungen des passionierten jüdischen Sammlers einschneidend, so daß er im Londoner Exil – bis auf wenige Lieblingsstücke – das Gros seiner Sammlung 1936 durch einen Wiener Antiquar versteigern ließ. Wesentliche Teile befinden sich heute im Besitz der Fondation Martin Bodmer, der British Library und des österreichischen Theatermuseums. Diese „unsichtbare Sammlung“ hat O. Matuschek jetzt rekonstruiert, indem er erstmals fast 1.000 Autographen aus Zweigs Besitz in einem ausführlich erläuterten, reich illustrierten Katalogteil sammelt und 23 wegweisende Aufsätze Zweigs zum Handschriftensammeln kommentiert voranstellt. In der auf unveröffentlichtem Material basierenden Einführung wird die spannende Geschichte der Sammlung im Kontext von Zweigs wechselvoller Biographie und Werkgeschichte noch einmal lebendig – ein weiteres Desiderat der Zweig-Forschung ist eindrucksvoll bearbeitet worden.

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Paulusch, Clemens / Pichler, Gerd (Hrsg.).. Bibliotheca Viennensis Pars I–VI. Sammlung Dr. Arthur Mayer. Wien, Inlibris, 1999. 160 Seiten. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

160 Seiten. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

EUR 28.00

Book reviews

Vorwort

Die in sechs Katalogen erschienene Viennensia-Sammlung des Wiener Rechtsanwaltes Dr. Arthur Mayer bildet in ihrer Gesamtheit von fast 9000 Titeln noch heute, über fünfzig Jahre nach Erscheinen, ein wesentliches Nachschlagewerk für Viennensia-Literatur. Bedingt durch die Gliederung der Kataloge in Themenschwerpunkte, mehrfach innerhalb eines Bandes wechselnde Ordnungsgruppen und Nachträge gestaltet sich die Suche nach einem speziellen Titel mühsam. Folgerichtig wurde im letzten Katalog ein „ausführliches Personen- und Sachregister über alle sechs Teile aus sachkundiger Feder“ angekündigt, dessen Erscheinen jedoch unterblieb. Wir hoffen, mit dem nun erstellten Index diese Lücke teilweise zu schließen und einen brauchbaren Beitrag für Bibliophile und Wissenschaftler zur Erschließung von Viennensia-Literatur geleistet zu haben.

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Peche, Martin (Bearb.) / Wetscherek, Hugo (Hrsg.). Bibliotheca Lexicorum. Kommentiertes Verzeichnis der Sammlung Otmar Seemann. Eine Bibliographie der enzyklopädischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung der im deutschen Sprachraum ab dem Jahr 1500 gedruckten Werke (= Katalog 9). Wien, Inlibris, 2001. 708 Seiten, ca. 90 teils farbige Abbildungen. Leinenband (25 x 18 cm).

708 Seiten, ca. 90 teils farbige Abbildungen. Leinenband (25 x 18 cm).

EUR 70.00

Book reviews

Bibliotheca lexicorum. Bibliotheca lexicorum : kommentiertes Verzeichnis der Sammlung Otmar Seemann ; eine Bibliographie der enzyklopädischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung der im deutschen Sprachraum ab dem Jahr 1500 gedruckten Werke / bearb. von Martin Peche. Nach einem von Otmar Seemann erstellten Gesamtverzeichnis und mit einer mehr als 3000 Titel umfassenden Bibliographie zur Geschichte der Lexikonistik / hrsg. von Hugo Wetscherek. – Wien : Antiquariat Inlibris, 2001. – 708 S. : Ill. ; 24 cm. – (Katalog / Antiquariat Inlibris ; 9). – ISBN 3-9500813-5-6 : ÖS 950.00, DM 135.00. – (Antiquariat Inlibris, Rathausstraße 19/1/27, A-1010 Wien, FAX 0043 1 409 61 90-9, E-Mail: inlibris@aon.at)

Rezension in: Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 9 (2001) 1, Klaus Schreiber

Der Wiener Zahnarzt Otmar Seemann führt seit vielen Jahren ein Doppelleben, pflegt er doch neben seinem Brotberuf den des immer seltenerer werdenden eines Privatgelehrten, der es sich auch leisten kann, sich an eher abgelegenen Themen zu delektieren und drüber zu publizieren.1 Bekannt und als detailerpichter Experte geschätzt2 ist er freilich auf dem Gebiet der „Lexikonistik“ – um den in der vorliegenden Publikation wortschöpferisch gebrauchten Begriff zu verwenden -, worunter soviel wie Kenntnis und Beschreibung all dessen zu verstehen ist, was mit der Sachlexikographie zu tun hat, hier primär beschränkt auf die Allgemein-Lexika. Auch auf diesem Gebiet hat er publiziert3 bzw. für Mikrofiche-Ausgaben alter Lexika begleitende Einführungen verfaßt.4 Das von ihm geplante und von allen die ihn kennen erwartete opus magnum einer kommentierten Bibliographie der deutschen Lexika wird man wohl allerdings nicht mehr erwarten dürfen, hat sich Seemann doch vor etwa zwei Jahren entschlossen, die Arbeitsgrundlage einer solchen Bibliographie, seine mehr als 12.000 Bände umfassende Sammlung von Lexika zu veräußern. Das Wiener Antiquariat Inlibris bot sie im Katalog der Stuttgarter Antiquariatsmesse5 Ende Januar 2001 für DM 460.000 an und konnte sie auch an „eine Privatbibliothek im Ausland“ absetzen, was der Berichterstatterin der FAZ zu Recht eine eigene Erwähnung Wert war.6 Ob es der Publikation des vorliegenden Katalogs7 und seiner Verbreitung bedurfte, um den neuen Besitzer dieser Sammlung anzulocken, die trotz zahlreicher besonderer und wertvoller Einzelstücke nur in ihrer Gesamtheit den genannten Preis rechtfertigen mag und die nun (bis auf weiteres) glücklicherweise auch als Ganzes erhalten bleibt, sei dahingestellt. Als bleibendes Dokument der Lexikonistik[-]Sammlung Prof. Dr. Otmar Seemann, mit Sekundärliteratur ca. 12.000 Bände des 16. bis 20. Jahrhunderts umfassend wird er jedoch Bestand haben, und man kann davon ausgehen, daß andere Antiquariatskataloge (und nicht nur diese) einschlägige Titel künftig mit Seemann-Nummern zitieren, bzw. deren Fehlen mit „nicht bei Seemann“ vermerken werden.

Letztere Anmerkung sollte allerdings keineswegs (wird es aber wohl dennoch) als Ausweis der Seltenheit genommen werden, denn die Sammlung war zwar umfangreich, aber keineswegs „vollständig“. Sieht man von den gleichwohl vorhandenen wenigen Lexika aus nicht deutschsprachigen Ländern einmal ab, die man – ohne dem Sammler Unrecht zu tun – als Zufallskäufe bezeichnen kann, so liegt der Schwerpunkt eindeutig bei den Lexika aus deutschsprachigen Ländern und zwar primär vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, mit dem Schwerpunkt bei den deutschen (Konversations-)Lexika des 19. Jahrhunderts, von denen nicht nur der Ersch/Gruber und die zahlreichen Auflagen der Großen – Brockhaus, Herder, Meyer, Pierer – vorhanden sind, sondern auch die im Schatten dieser Unternehmen stehenden Konkurrenzprodukte einschließlich Varianten und Raubdrucken. Auch wenn ganz überwiegend Allgemein-Lexika gesammelt wurden, so fehlen doch nicht Beispiele für Fachlexika, die man aber gleichfalls auf das Konto des Sammlungsabfalls buchen kann.8

Der besondere Wert dieses Katalogs (er bildet den ersten Teil des Bandes und wird auf S. 525 – 526 durch das nur summarisch beschriebene Archiv Seemann, insbesondere seine Arbeitsbibliothek9 ergänzt) liegt in der ausführlichen Beschreibung der Titel mit der genauen Aufführung des Inhalts der einzelnen (z.T. sehr zahlreichen) Bände sowie in den teilweise seitenlangen Annotationen. Auch wenn es auf dem Titelblatt heißt, daß der Katalog „nach einem von Otmar Seemann erstellten Gesamtverzeichnis“ herausgegeben wurde, so ist dieser gleichwohl Urheber der Titelaufnahmen und der Annotationen, die er in einer Datenbank gespeichert hatte.

Nehmen wir als Beispiel für das Gesagte die unter Nr. 4 verzeichnete Allgemeine Realencyklopädie oder Conversationslexikon für das katholische Deutschland von Wilhelm Binder (Regensburg : Manz, 1846 – 1850). Auf die eine knappe halbe Seite einnehmende Titelaufnahme samt Bandaufführung folgt die in kleinerer Type gesetzte, zwei Seiten umfassende Annotation. Sie nennt zunächst die Originalpreise (die auch sonst mitgeteilt sind, wenn sie zu ermitteln waren), dann die 1993 erschienene, von Seemann herausgegebene Mikrofiche-Ausgabe. Es folgen: Zitate aus dem Vorwort über die Absicht, die Verlag und Bearbeiter mit der Publikation verfolgten; eine lange Darstellung des Konkurrenzverhältnisses zur zeitgenössischen Ausgabe des Brockhaus (dessen Text nicht wörtlich, dafür inhaltlich und unter Richtigstellung aus katholischer Sicht weitgehend übernommen wurde); Hinweise zu den Illustrationen; Anmerkungen zum Herausgeber Binder; Zitate aus zeitgenössischen Äußerungen. Den Abschluß der Annotation bildet – wie in allen Fällen – eine Aufführung der Fundstellen in der Sekundärliteratur, die teils mit einer Sigle, teils mit einer Nummer zitiert wird. Erstere verweist auf den ersten Abschnitt (S. 553 – 571) des 2. Teils Bibliographie, der Allgemeine Referenzwerke überschrieben ist, die im Alphabet der Verfasser bzw. Siglen aufgeführt sind, letztere auf den zweiten Abschnitt (S. 571 – 683) mit 3316 durchnumerierten, willkürlich geordneten Literaturstellen der verwendeten Sekundärliteratur (diese beiden Abschnitte – und gar schon den zweiten – „als Bibliographie zur Geschichte der Lexikonistik“ zu bezeichnen, wie es auf dem Titelblatt geschieht, ist also alles andere als zutreffend).

Der Katalog wird durch ein Register aller Verfasser, Herausgeber, Verleger und der in den Annotationen erwähnten Personen erschlossen, der zweite Abschnitt von Teil 2 durch ein separates Register der Autoren und Herausgeber zur verzeichneten Sekundärliteratur. Die Zeittabelle am Ende des Katalogteils (S. 527 – 535) enthält die Kurztitel der verzeichneten Lexika nach dem Erscheinungsjahr des ersten Bandes (leider ohne Angabe der laufenden Nummer). Wünschenswert, wenn auch nicht ohne besonderen Aufwand zu erstellen, wären tabellarische/graphische Verzeichnisse der Filiation verschiedener Lexikonfamilien gewesen sowie der Beziehungen zwischen solchen als Konkurrenten und ggf. Plagiate.

Für den Antiquariatshandel und die Informationsapparate in den Bibliotheken gleichermaßen unverzichtbar.

[1] Kumulierender Nachtrag zu Krieg: MNE / Otmar Seemann. – 3. verb. und verm. Aufl. – Wien : Krieg, 1995. – 207 S. ; 22 cm. – ISBN 3-920566-38-6.

Die mit „1811“ datierten Drucke des ABGB / von Otmar Seemann. – Wien : Manz, 1995. – 95 S. ; 25 cm. – ISBN 3-214-02239-3 : ÖS 420.00 [2689]. – Rez.: IFB 95-2-265. zurück…

[2] Deutsche Großlexika seit dem 19. Jahrhundert : Brockhaus – Pierer – Meyer – Herder ; eine bibliographische Übersicht / von Otmar Seemann. // In: IFB 95-2-303 [2824]. zurück…

[3] Enzyklopädische Information im 19. Jahrhundert : Gesamtindex „Zeitgenossen“, „Die Gegenwart“, „Unsere Zeit“ / hrsg. und mit einer Einleitung von Otmar Seemann. – München [u.a.] : Saur, 1995. – 344 S. ; 30 cm. – Die drei indizierten Werke sind im selben Verlag als Mikrofiche-Ausg. erhältlich zum Gesamtpreis von DM 8200.00 (Diazo), DM 7200.00 (Diazo, Subskr.-Pr. bis 30.09.1995). – ISBN 3-598-23610-7 : DM 48.00, kostenlos für Bezieher der Mikrofiche-Edition [2903]. – Rez.: IFB 99-B09-033.

„… und die Lust und Trieb zu arbeiten unbeschreiblich …“ : Johann Georg Krünitz und seine Oekonomisch-technologische Encyklopädie. Ausstellung aus Anlaß des 200. Todestages von Johann Georg Krünitz / [Ausstellung und Katalog: Dagmar Bouziane ; Heike Krems ; Ruth Weiß. Beratung: Otmar Seemann]. – Berlin : Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, 1996. – 32 S. : Ill. ; 21 cm. – (Ausstellungskataloge / Staatsbibliothek zu Berlin – PK ; N.F., 19).). – ISBN 3-88226-897-2 : DM 28.00. – (Buchhandelsvertrieb: Reichert-Verlag, Wiesbaden) [3823]. – Rez.: IFB 97-1/2-087.
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[4] Erschienen in der vom Fischer-Verlag, Erlangen publizierten Reihe Archiv der europäischen Lexikographie : Abt. 1, Enzyklopädien. – Es handelt sich um folgende Nummern: 6, 10, 16, 17, 20 – 31, 39. Seemann ist auch selbst unter die Verleger gegangen und hat Mikrofiches von Lexika, aber auch von retrospektiven Verlagskatalogen (z.B. Brockhaus), die er sich für seine Arbeiten hatte anfertigen lassen, unter dem Impressum Seemann-Microfiches vertrieben. Als späten Nachzügler zeigte die DNB erst 2001 (A15,31) an: Kleine Enzyklopädie oder Enzyklopädische Bibliothek. – [Mikrofiche-Ausg.] / Otmar Seemann. – Wien : Seemann-Microfiches, 1996. – 58 Mikrofiches in Behältnis. – ISBN 3-901622-12-8 : DM 1900.00. – Mikrofiche-Ausg. der Originalausg. Wien : Kosmographisches Bureau, 1813. – 53 Bd. Das Original dieses Lexikons fehlte in seiner Sammlung und damit auch im Verkaufskatalog. zurück…

[5] Wertvolle Bücher, Autographen, illustrierte Werke, Graphik : … Verkaufsausstellung … im Württembergischen Kunstverein … / Verband Deutscher Antiquare e.V. – Stuttgart. – 40 (2001), S. 64.
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[6] Weg wie warme Semmeln : Bilanz der Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg / Bettina Erche. // In: Frankfurter Allgemeine. – 01-02-03, S. 53. zurück…

[7] Er ist zugleich der bei weitem umfangreichste in der Reihe der Kataloge des Antiquariats Inlibris, aus der nur die beiden folgenden, auf Personen bezogene, erwähnt werden sollen:

Max Reinhardt : Manuskripte, Briefe, Dokumente ; Katalog der Sammlung Dr. Jürgen Stein / bearb. und hrsg. von Hugo Wetscherek. Mit Auszügen aus unveröffentlichten Schriften, einer Anmerkung zur bisherigen Editionspraxis und einer M.-Reinhardt-Personalbibliographie von Marcel Atze. – Wien : Antiquariat Inlibris, 1998. – 247 S. : Ill. ; 24 cm. – (Katalog / Antiquariat Inlibris ; 6). – ISBN 3-9500813-0-5 : DM 39.80.

Josef Schrammel : Gründer des Schrammelquartetts ; kommentiertes Nachlaßverzeichnis. [Manuskripte, Briefe, Dokumente] / bearb. von Martin Peche und Hugo Wetscherek. Mit einem Katalog der in eigenhändiger Niederschrift überlieferten Werke, Auszügen aus unveröffentlichten Quellen und einer historischen Würdigung des Quartetts / von Heinz Hromada. – Wien : Antiquariat Inlibris, 2000. – 120 S. : Ill. ; 24 cm. – (Katalog / Antiquariat Inlibris ; 7). – ISBN 3-9500813-3-X : DM 39.80 [6423].
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[8] So ist wegen des Verfasseralphabets gleich als erster Titel des Katalogs das Juristische Konversations-Lexikon von Wilhelm Eugen von Adolfi (Berlin, 1917) verzeichnet, von dem es in der Annotation heißt: „Kein Allgemeinlexikon, sondern alphabetisch geordneter Ratgeber in Rechtsfragen.“ (S. 10).
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[9] Diese enthält „Teile der von O. Seemann erworbenen Bibliothek und des Archivs Gert A. Zischka, darunter … dessen persönliches Handexemplar des Index lexicorum (durchschossenes Exemplar mit unzähligen eh. [eigenhändigen] Ergänzungen und Korrekturen)“ (S. 525). – Diesem hatte Seemann 1991 folgende kleine Schrift gewidmet: Gert A. Zischka : Bibliograph, Goetheforscher und Arzt / Otmar Seemann. – 1. Aufl. – Wien : Helwich, 1991. – 47 S. : Ill. ; 22 cm. – 3-85109-000-5 (falsch).
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IFB:

Zeitzeichen Wissenswerte. Über Lexika, Enzyklopädien und ihre Vermehrung

Rezension in: Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2002, Nr. 189, Hans-Albrecht Koch

[…]

Leben wir in einem Zeitalter der Enzyklopädien? Die Zahl der einschlägigen Werke könnte zu einem voreiligen Ja verleiten, denn seit dem Bemühen des Hellenismus, überbordende Wissensmengen wenigstens durch überschaubare Ordnung und durch Kondensation zu bändigen, sind alle Buchzeitalter immer auch mehr oder minder Zeitalter der Enzyklopädien gewesen. In welchem Masse das allein für den deutschen Sprachraum gilt, zeigt der unerhört eindrucksvolle Verkaufskatalog der Sammlung Otmar Seemann („Bibliotheca lexicorum. Kommentiertes Verzeichnis der Sammlung Otmar Seemann“. Bearbeitet von Martin Peche. Antiquariat Inlibris, Wien 2001, 708 S.). Dass den vielen respektablen Fachenzyklopädien, die vor kurzem ihren Abschluss erreicht haben bzw. sich ihm nähern, nicht eine ähnlich grosse Zahl neu in Angriff genommener Unternehmungen gegenübersteht, spricht für ein Abschwellen der Enzyklopädie-Welle; dass aber statt der vertrauten Nachschlagewerke in Buchform neue Lexika im Internet auftauchen, bezeugt das unvermindert anhaltende Bedürfnis, Wissen in atomisierter Form darzubieten.

[…]

Bibliotheca lexicorum. Kommentiertes Verzeichnis der Sammlung Otmar Seemann, bearbeitet von Martin Peche. Wien: Antiquariat Inlibris 2002. 708 S.

Rezension in: Prolibris 4/2002 (7. Jahrgang), S. 236, Bernd Eckhoff, Universitäts- und Landesbibliothek Münster

Jede Bibliothek hat einen mehr oder minder großen Bestand von allgemeinen Lexika und Enzyklopädien, früher oft auch Konversationslexika oder Realencyclopädien genannt. So selbstverständlich sie zum Kernbestand jeder Bibliothek zählen, kaum ein Bibliothekar weiß auf Anhieb spezielle Fragen zu den Lexika selbst zu beantworten, etwa wenn es um Auflagenfolgen oder um die politische oder weltanschauliche Ausrichtung seiner Editoren geht.

Namen wie Meyer, Brockhaus sind allgemein geläufig, ebenso auch noch Herder oder Bertelsmann, doch schon mit Hübner, Ersch-Gruber, Pierer oder Zedler verbinden vergleichsweise wenige etwas. Und spätestens bei der Deutschen Taschen-Enzyklopädie von 1816 oder bei Daniel Sanders‘ Konversationslexikon von 1896 muss weiterführende Spezialliteratur zu Rate gezogen werden. Als erstes Hilfsmittel steht hierfür neben einzelnen kleineren Publikationen seit Jahrzehnten Zischkas Index lexicorum1 bereit.

Nun hat kürzlich ein kleiner Wiener Verlag einen Katalog der Lexika-Sammlung von Otmar Seemann herausgegeben. Betitelt ist das recht umfängliche Werk mit Bibliotheca lexicorum und deutet bereits damit an, dass es in der Tradition Zischkas steht und sein Werk gewissermaßen weiterführt.2 Enthalten ist in diesem Katalog laut Untertitel eine Bibliographie der enzyklopädischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung der im deutschen Sprachraum ab dem Jahre 1500 gedruckten Werke. Mehr als 600 vornehmlich deutschsprachige Lexika sind verzeichnet, und eine Informationsfülle sondergleichen erschließt sich dem Leser. Neben genauen bibliographischen Angaben, die auch die Einteilung der Bände umfassen, werden etwa Verkaufspreise notiert, auf andere Erscheinungsformen wie Reprints oder Mikroformen verwiesen und weitere wissenswerte Informationen mitgeteilt, beispielsweise, dass den Einbandentwurf zur 7. Auflage des Meyer-Lexikons kein Geringerer als Hugo Steiner-Prag besorgte.

In zum Teil sehr umfangreichen Kommentaren werden Fragen zur Entstehungsgeschichte und zum Inhalt der Lexika aufgeworfen: An wen richtet sich das Werk, wer saß in der Redaktion, und wer stand ihr vor, welchen politischen, sozialen oder religiösen Hintergrund hatte die Redaktion, in welchem historischen Umfeld spielte die jeweilige Entstehungsgeschichte, welche Ziele verfolgte der Verlag mit der Edition, welche Idee steckte hinter dem Aufbau des Werkes und so weiter. Am Ende werden jeweils umfangreiche Literaturhinweise gegeben.

Die Auswahl der nicht deutschsprachigen Lexika ist erwartungsgemäß sehr begrenzt und beinhaltet nur die bekannteren Werke wie die Encyclopaedia Britannica oder das Dictionnaire complet illustré von Larousse.

Ein besonders nützlicher Teil des Buches ist die Auflistung der Lexika nach ihren Erscheinungsjahren. Da enzyklopädische Literatur stets widerspiegelt, was in einer Epoche als wissenswert und zukunftsweisend galt, ist hier dem Historiker ein wertvolles, leicht zu bedienendes Instrument an die Hand gegeben.

Das Personen- und Verlagsregister erleichtert die zielgerichtete Suche, vor allem auch nach heute unbekannteren Namen der deutschen Publizistik des 19. und 20. Jahrhunderts. Die kleine, aber sorgfältige Auswahl von Schwarzweißabbildungen zeigt Einbände, Titelblätter, Schutzumschläge, Textillustrationen, Herausgeber- und Verlegerportraits sowie Werbematerialien. Eine sehr umfangreiche Bibliographie der Sekundärliteratur (gut 3300 Titel) mit einem angehängten Index rundet das Werk ab.

Kritisch anzumerken wäre, dass das Verzeichnis entgegen seiner Ankündigung nicht ganz bis an die Gegenwart heranreicht, sondern eine Reihe neuer Editionen außer Acht lässt, vermutlich weil sie nicht mehr zur Sammlung Seemann zählen. Nicht nur fehlt die 20. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie, die 1996-98 erschien, sondern auch Meyers Großes Universal-Lexikon (1981-86), das mit 15 Bänden eine verkleinerte Ausgabe der 25-bändigen 9. Auflage darstellt, in seinen Sonderbeiträgen aber durchaus Eigenes zu bieten hat.3Nicht enthalten sind ferner Meyers Neues Lexikon in 10 Bänden von 1993 wie auch die deutsche Übertragung des französischen Lexikons Libraire Larousse unter dem Titel Meyers Memo von 1991, das mit seinem Aufbau nach Sachgebieten gerade in lexikalischer Hinsicht eine interessante und gelungene Variante darstellt.

In die Kataloge der großen deutschen Auktionshäuser und Antiquariate hat das Werk bereits Eingang gefunden, wo es sich unter der Abkürzung „Slg. Seemann“ nahtlos in die Liste der Referenzwerke einreiht. Diese allgemeine Wertschätzung und Nutzung ist dem Katalog Bibliotheca lexicorum in den wissenschaftlichen Bibliotheken auch zu wünschen. In der ULB Münster war sein Aufstellungsort schnell ausgemacht: direkt neben Zischkas Index lexicorum im Handapparat der Auskunftsabteilung.

[1] Zischka, Gert A.: Index lexicorum. Bibliographie der lexikalischen Nachschlagewerke. Wien 1959. zurück…

[2] Dazu passt, dass das durchschossene Handexemplar Zischkas vom Index lexicorum Teil der Sammlung Seemann ist. zurück…

[3] Dieses Lexikon war übrigens das letzte, was das Bibliographische Institut in Eigenregie vor seiner Fusion mit Brockhaus 1984 herausbrachte. zurück…

“Der 15. Band ist der wertvollste für Buchschlächter …”

Rezension in: IASLonline, 17.11.2003, Arno Mentzel-Reuters

Bibliotheca lexicorum: kommentiertes Verzeichnis der Sammlung Otmar Seemann; eine Bibliographie der enzyklopädischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung der im deutschen Sprachraum ab dem Jahr 1500 gedruckten Werke, bearb. von Martin Peche. Nach einem von Otmar Seemann erstellten Gesamtverzeichnis und mit einer mehr als 3000 Titel umfassenden Bibliographie zur Geschichte der Lexikonistik hg. von Hugo Wetscherek (Antiquariat Inlibris. Katalog 9). Wien: Antiquariat Inlibris 2001. 708 S. 120 z.T. farbige Abb. Leinen.
EUR (D) 70,-.
ISBN 3-9500813-5-6.

Sammlung Seemann

Der 1946 in Wien geborene und – nach Ausweis einer aktuellen Homepage – nach wie vor praktizierende Zahnarzt und Lexikologe Otmar Seemann sammelte bis zum Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts Lexika, mit einem Schwerpunkt auf der deutschsprachigen Allgemeinenzyklopädie. Als er sich entschloss, seine Sammlung durch das Wiener Antiquariat Inlibris veräußern zu lassen, umfasste sie mehr als 12.000 Bände. Ihre bedeutendste Einzelprovenienz bildete die Bibliothek des Bibliographen Gert A. Zischka, Verfasser des Index Lexicorum, der 1959 in Wien bei Hollinek erschien. Seemann selbst hat im (Mikrofiche-)Archiv der europäischen Lexikographie des Harald Fischer Verlages in Erlangen mehrere Lexika aus der ersten Hälfte frühen 19. Jahrhunderts mit Kommentar neu herausgegeben; kleinere Monographien befassen sich mit Zischka und den „mit 1811 datierten Drucken des ABGB“ (Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches).

Das Antiquariat Inlibris setzte alles daran, die ihm anvertraute Sammlung vollständig weiterzuverkaufen. Auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse [1] Ende Januar 2001 wurde sie für DM 460.000 angeboten und konnte an „eine Privatbibliothek im Ausland“ veräußert werden. [2] Dort fand sie, wie das Antiquariat auf Anfrage mitteilte, keine dauerhafte Bleibe und stand alsbald wieder zum Verkauf. Letztlich wird also der Katalog das einzige dauerhafte Zeugnis der Sammlung bleiben.

Inhalt des Katalogs

Der Band ist geteilt in den eigentlichen, kommentierten Katalog der 610 Nummern umfassenden Sammlung (S. 9–524), ein Kurzverzeichnis des Archivs Seemann (S. 525 f.), eine 1512 einsetzende Zeittabelle zur Geschichte der Enzyklopädie (S. 527–535), ein Personenregister mit Referenz auf die Katalognummer (S. 537–549) und eine (vornehmlich auf Seemanns Arbeitsbibliothek beruhende) Bibliographie mit 3316 Nummern (S. 551–685, teilweise a- und b-Nummern vergeben). Ein Register zu dieser Bibliographie schließt den Band ab (S. 687–708). Zu erwähnen sind noch die zahlreichen Illustrationen, meist Wiedergabe der Titelblätter, gelegentlich auch einzelne Tafeln aus den Lexika, Werbematerialien oder Portraits.

In einer durchweg positiven Rezension berichtet Klaus Schreiner, selbst bekannter Bibliograph: „Auch wenn es auf dem Titelblatt heißt, daß der Katalog >nach einem von Otmar Seemann erstellten Gesamtverzeichnis< herausgegeben wurde, so ist dieser gleichwohl Urheber der Titelaufnahmen und der Annotationen, die er in einer Datenbank gespeichert hatte". [3] Diese Kommentierung stellt den eigentlichen Wert des Katalogs dar. Denn die reine bibliographische Suchmöglichkeit rechtfertigt ein solches Unternehmen heute nicht mehr: Die online verfügbaren deutschen Bibliothekskataloge liefern mühelos ein weit vollständigeres, bibliographisch korrektes Bild.

Scheitern auf hohem Niveau

Natürlich kann man von einer privaten Sammlung, die innerhalb von nicht einmal 50 Jahren aufgebaut wurde, keine Vollständigkeit erwarten. Die Seemann’sche Sammlung mit ihren 610 Nummern ist jedoch – das muss man bei allem Respekt vor der Sammlertätigkeit und mehr noch den Kommentaren deutlich sagen – sehr weit davon entfernt. Man ist versucht, den Verkauf zu Lebzeiten auch als Eingeständnis des Scheiterns einer solchen Sammlung zu interpretieren. Wenn dem so war, handelt es sich um das sprichwörtliche Scheitern auf hohem Niveau.

Beschreibung von Meyers Konversationslexika

Selbst bei einer schwerpunktmäßigen Beschränkung auf die Lexikonproduktion des 19. und 20. Jahrhunderts ist eine unglaubliche Masse zu bewältigen. Man nehme nur die geschachtelten Auflagen von Meyers Konversationslexikon bis 1918 bzw. des als selbständiges Werk zu verstehendem Meyers Kleinem Konversationslexikon. Die Beschreibungen des großen Meyer in seinen Auflagen sind, zumindest aus der Sicht von Bibliographen, Bibliophilen oder Antiquaren, unschätzbar. Als Beispiel diene die kenntnisreiche Präsentation der 6. Auflage (1902–1908, in verschiedenen Nachdrucken bis 1914, Nachtragsbände bis 1917). Die einzelnen Nachdrucke sowie die kriegsbedingten Zensurmaßnahmen können nach den Kriterien, die S. 381 f. mitgeteilt werden, exakt auseinander gehalten werden; wir erhalten auch statistische Angaben zur Verteilung der Lemmata auf Fachgruppen und Rezeptionszeugnisse (S. 382 f.), selbst die verwendeten Drucktypen werden erörtert (S. 383 f.) Für den Antiquar oder Bibliophilen dienen Hinweise wie „Der 15. Band ist der wertvollste für Buchschlächter, da er die meisten prachtvollen Chromolithographien enthält.“ (S. 382 f.) Auch die beiden folgenden Auflagen, darunter als 8. der gegen den Willen der Redaktion von der Parteiamtlichen Prüfungskommission für nationalsozialistisches Schrifttum (PPK) zwangsweise indoktrinierte berüchtigte „Nazi-Meyer, werden genau beschrieben. Beim „Nazi-Meyer“ können sogar Quellenzitate aus den Akten der PPK nachgelesen werden.

Seltsamerweise wird demgegenüber der „Kleine Meyer“ stiefmütterlich behandelt. Der Seemann-Katalog verzeichnet S. 405 Nr. 448 als älteste Ausgabe die 8. Auflage von 1931–1933, [4] die erst durch einen dem dritten Band beigebundenen Nachtrag auf die NS-Ideologie umgebogen wurde. Die älteren Auflagen fehlen, obschon ihre Geschichte nicht minder kompliziert ist als die der großen Schwesterlexika. Die sechste Auflage z.B. war dreibändig. Sie erschien 1898 bis 1899 und bezeichnete sich auf dem Titelblatt als „6. gänzlich umgearbeitete und vermehrte Auflage. Mit über 160 Karten und Bildtafeln in Holzschnitt, Kupferstich und Farbendruck und 100 Textbeilagen“. Die „siebente, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage in sechs Bänden“ erschien 1908–1910 in einem schwarzen Halbledereinband mit rotem Rückenschild. Sie umfasste nach Auskunft des Titelblatts „mehr als 130,000 Artikel und Nachweise mit 639 Bildertafeln, Karten und Plänen sowie 127 Textbeilagen.“ 1914 erschien die „Siebente, neubearbeitete und vermehrte Auflage, durch einen Ergänzungsband erneuerte Ausgabe. Mehr als 155000 Artikel und Nachweise auf etwa 6500 Seiten. Text mit über 7000 Abbildungen im Text und auf mehr als 680 Bildertafeln, Karten und Plänen sowie 133 Textbeilagen“ in einem braunen Halbledereinband mit zwei schwarzen Rückenschildern. Es war ein unveränderter Nachdruck, lediglich der Ergänzungsband beinhaltete etwas Neues.

Abgrenzungsprobleme

Das grundsätzliche Problem einer Lexikonsammlung beginnt jedoch bereits mit der Definition der „Allgemeinenzyklopädie“. Die „Zeittabelle“ des Seemann-Kataloges (S. 527–535) zeigt gerade in ihrer Auswahl für das 16. und 17. Jahrhundert wenig Verständnis für die theologische Einbettung des allgemeinen Wissens. Der dort nicht genannte Vocabularius Theologiae des Mindelheimer Humanisten Johannes Altenstaig (Erstdruck Hagenau 1517) enthielt nach Aussage des Titelblattes vocabulorum descriptiones, diffinitiones. Damit war der Vocabularius zwar significatus ad theologiam vtilium, wie es dort weiter heißt, aber dennoch ein Zeugnis humanistischer Bildung und Weltsicht, wie überhaupt das Hervorgehen des neuzeitlichen Kompendienwissens aus der spätmittelalterlichen Enzyklopädie nicht berücksichtigt wird.

Für das 16. Jahrhundert wird nun niemand von einem Katalog der Seemann-Sammlung Auskünfte erwarten. Doch ist Heinrich J. Wetzers und Benedikt Weltes Kirchenlexikon, dessen Untertitel Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hilfswissenschaften lautet (13 Bände, Freiburg : Herder 1847–1860), nicht wirklich ein theologisches Speziallexikon, sondern eine katholisch geprägte Sammlung des Allgemeinwissens. Die Kluft zu Herders Conversations-Lexikon des gleichen Verlags, der katholischen Enzyklopädie schlechthin, ist nicht sehr groß. Karl Raphael Herder musste sogar feststellen, dass sich das Kirchenlexikon besser verkaufte. [5] Der Grund ist einfach: Das Konversationslexikon richtete sich an die weniger begüterte katholische Bevölkerung (vgl. die Bibliotheca Lexicorum S. 228 f.); ein Hauptabnehmer war der Borromäus-Verein, der entsprechend ausgerichtete Volksbüchereien betrieb. Das Zielpublikum des Kirchenlexikons war der geistliche Stand und das gebildete katholische Bürgertum.

Rang der Erschließungsarbeit

Man könnte solche Abgrenzungsprobleme noch an zahlreichen Stellen aufweisen; wirklich schmälern kann es den Rang der Erschließungsarbeit jedoch nicht, die mit der Bibliotheca Lexicorum geleistet wurde. Man wird, nicht nur als Antiquar, Bibliophiler oder „Buchschlächter“, sondern auch als Literatur- oder Kulturhistoriker dankbar sein für die Beschreibung eines jeden Nachschlagewerks. Man wird sich bei den unverkennbaren Lücken eine Fortsetzung oder Ergänzung wünschen, aber es ist sicherlich niemand in Sicht, der diese schwierige und fehleranfällige Mammutaufgabe schultern möchte. Doch zumindest dieser Teil ist jetzt greifbar, und seine Lektüre fördert auch für die kulturgeschichtliche Forschung enorm das Verständnis der heranzuziehenden Nachschlagewerke.

PD Dr. Arno Mentzel-Reuters
Monumenta Germaniae Historica
Postfach 34 02 23
D-80099 München
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Diese Rezension wurde betreut von unserer Fachreferentin Prof. Dr. Ursula Rautenberg. Sie finden den Text auch angezeigt im Portal Lirez – Literaturwissenschaftliche Rezensionen.

Anmerkungen

[1] Wertvolle Bücher, Autographen, illustrierte Werke, Graphik : … Verkaufsausstellung … im Württembergischen Kunstverein … / Verband Deutscher Antiquare e.V. – Stuttgart. – 40 (2001), S. 64. zurück…

[2] Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3.2.2001, Nr. 29, S. 54.
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[3] Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 9 (2001), Nr. 6373 (http://www.bsz-bw.de/depot/media/3400000/3421000/3421308/01_0011.html)
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[4] Hier wird bedauerlicherweise versäumt, auf den im dritten Band angefügten „Nachtrag“ hinzuweisen, der das politisch noch weitgehend freie Lexikon den Anforderungen des Dritten Reiches angleicht. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Auseinandersetzung um die achte Auflage des Großen Meyer, die Bibliotheca Lexicorum S. 388–392 hervorragend kommentiert wird.
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[5] Vgl. Bibliotheca Lexicorum S. 228.
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Bibliotheca lexicorum. Kommentiertes Verzeichnis der Sammlung Otmar Seemann. Eine Bibliographie der enzyklopädischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, unter besonderer Berücksichtigung der im deutschen Sprachraum ab dem Jahr 1500 gedruckten Werke, bearb. von Martin Peche. Hrsg. von Hugo Wetscherek. Wien: Inlibris, 2001. 708 S. Ill. (Katalog / Antiquariat Inlibris; 9). 70.00 € – ISBN 3-9500813-5-6

Rezension in: Bibliothek. Forschung und Praxis, Jahrgang 27 (2003) Nr. 3, Gerd-J. Bötte

Im Zeitalter der weltweit verfügbaren und vielfach vernetzten elektronischen Informationsressourcen zählen konventionelle Konversationslexika und vielbändig gedruckte Enzyklopädien zu den aussterbenden Arten. Den „Wert und den Nutzen alter Lexika“1 als erstrangige Quellen der Kulturgeschichte kann man indes kaum überschätzen. „Enzyklopädien und Universallexika bieten umfassende Querschnitte durch alle Lebensbereiche zu bestimmten Zeiten. In diesen Werken ist festgehalten, was einer Zeit als wissenswürdig gilt, d.h. sie registrieren nicht nur den jeweils aktuellen Wissensstand in den verschiedenen Sachgebieten, sondern auch den Stand des öffentlichen Interesses an diesem Wissen.“2 Damit sind sie zugleich als Protokolle des Zeitgeistes oder besser: des Geistes der Zeiten zu lesen. Darüber hinaus sind die alten Lexika und Enzyklopädien „nahezu unerschöpfliche Reservoirs historischer Informationen, die in neueren Nachschlagewerken nicht mehr zu finden sind. […] Auf jeder Seite eines alten Lexikons lassen sich Informationen finden, die das neue nicht mehr kennt.“3/sup>

Dem Faszinosum der Gattung „Lexikon“ ist der Wiener Zahnarzt, Bibliograph und Bücherfreund Otmar Seemann4 in besonderer Weise erlegen. Seine im Laufe der Jahre zusammengetragene, mehr als 12 000 Bände umfassende Sammlung wurde auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse im Januar 2001 geschlossen verkauft. Der fast drei Pfund schwere Verkaufskatalog verzeichnet zum einen den eigentlichen Katalog der Seemann’schen bibliotheca lexicorum mit insgesamt 610 Einträgen – von „A“ wie Wilhelm Eugen von Adolfis Juristischem Konversations-Lexikon (Berlin 1917) bis „Z“ wie Theodor Zwingers Magnum theatrum vitae humanae (Köln 1631). Darauf folgen summarische Angaben zum Archiv Seemann (bestehend unter anderem aus Arbeitsbibliothek, Bildarchiv und Korrespondenz), eine chronologische Übersicht der verzeichneten Lexika sowie ein als „Personenregister“ bezeichneter Index, der jedoch nicht nur die Verfasser und Bearbeiter der Lexika sowie die in den jeweiligen Kommentaren erwähnten Personen nachweist, sondern auch Körperschaften wie Verlagsnamen und dergleichen.

Der zweite, auf Seite [551] beginnende Hauptteil des Katalogs ist mit „Bibliographie“ überschrieben und bietet ein Verzeichnis der verwendeten allgemeinen Nachschlagewerke sowie ein stolzes 3 316 Positionen umfassendes „numeriertes Verzeichnis der verwendeten Sekundärliteratur“, das leider ohne erkennbares Ordnungsprinzip präsentiert und erst durch das beigegebene Autoren- und Herausgeberregister leidlich benutzbar wird.

Der Schwerpunkt der Sammlung Otmar Seemanns liegt im Bereich der deutschsprachigen Allgemeinenzyklopädien und -lexika, deren Geschichte sie in eindrucksvoller Geschlossenheit dokumentiert. So sind beispielsweise sämtliche Ausgaben des Brockhaus-Lexikons von der raren Erstausgabe aus dem Jahr 1796 bis hin zur 19. Auflage, die 1986 bis 1994 in 24 Bänden erschien, nachgewiesen und beschrieben (#61-#88). Selbstverständlich umfasst Seemanns Sammlung auch eine komplette Auflagenfolge von Johann Hübners „Zeitungslexikon“, durch dessen 3. Ausgabe aus dem Jahr 1708 der Begriff „Konversationslexikon“ in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeführt wurde.

Was den Katalog der Seemann’schen Sammlung auszeichnet, sind zum einen die ausführlichen und akribischen bibliographischen Beschreibungen, die im Falle der Ersch-Gruber’schen Allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften und Künste (1818-1889) schon einmal fast zehn Seiten einnehmen können; zum anderen sind es die kenntnisreichen Kommentare und Erläuterungen Seemanns,die diesem ungewöhnlichen Verkaufskatalog seinen dauerhaften bibliographischen Nutzwert verleihen. Zu den vielen Detailinformationen zählen unter anderem die Angabe der Auflagenhöhe, der Ausstattungsvarianten und der Originalpreise. So erfährt man beispielsweise, daß die 15. Auflage des Großen Brockhaus auch in einer Tropenausgabe lieferbar war, und zwar für 26,10 Mark, mithin zum gleichen Preis wie die im schwarzen Halbledereinband ausgelieferte Standardausführung.
Von besonderem Wert sind die Ausführungen zu den „Verwandtschaftsbeziehungen“ der Lexika untereinander; Strukturanalysen und Detailvergleiche charakterisieren Konkurrenzunternehmungen und identifizieren Plagiate und Raubdrucke. Als ein interessantes Beispiel von vielen sei auf die bei Manz in Regensburg zwischen 1846 und 1850 erschienene Allgemeine Real-Encyclopädie5 verwiesen, die sich ausweislich ihres Sachtitels als Conversationslexikon für das katholische Deutschland verstand. Seemann belegt minutiös, wie sehr sich das von Wilhelm Christian Binder herausgegebene Werk – in inhaltlicher Hinsicht nur knapp am Plagiat vorbeisegelnd – auch im Hinblick auf die äußere Form (Aufmachung, Satz, Art und Anzahl der Stichworte) an den großen Konkurrenten anlehnte. Befund: „Man könnte die Manzsche Real-Enzyclopädie geradezu als eine katholische Ausgabe des Brockhaus-Lexikons bezeichnen.“6 Hilfreich sind auch die in den Kommentaren gegebenen Hinweise auf Reprint- oder Mikrofiche-Ausgaben wichtiger Lexika, die nicht in jeder Bibliothek im Original zur Verfügung stehen. Auch hier hat sich Seemann selbst in den vergangenen Jahren als Herausgeber zusammen mit dem Harald-Fischer-Verlag (Erlangen) Verdienste erworben. Angesichts der heutigen technischen Möglichkeiten wird man für den überregionalen Zugriff allerdings verstärkt für die konsequente Digitalisierung einschlägiger Werke plädieren7.

Otmar Seemanns Sammlung ist verkauft, der Katalog seiner bibliotheca lexicorum jedoch ist von bleibendem Wert und sollte in den bibliographischen Handapparaten wissenschaftlicher Bibliotheken nicht fehlen.

Anschrift des Rezensenten:
Gerd-J. Bötte
Staatsbibliothek zu Berlin –
Preußischer Kulturbesitz
Abt. Historische Drucke
D-10102 Berlin

[1] Fietz, Rudolf: Über den Wert und den Nutzen alter Lexika. In: Informationsmittel für Bibliotheken 3 (1995) 2, S. 445-452; als elektronisches Dokument verfügbar unter Homepage. zurück…

[2] Ebd. zurück…

[3] Ebd. zurück…

[4] Homepage (Alle Kassen!). zurück…

[5] Bibliotheca lexicorum, Eintrag Nr. 4, S. 11-13. zurück…

[6] Ebd. S. 12. zurück…

[7] Den Nutzen und Mehrwert digitaler Versionen illustriert schon jetzt beispielhaft Zedlers Universal-Lexicon ; gespannt sein darf man auch auf das Ergebnis der in Trier betriebenen Retrodigitalisierung der Krünitz’schen Enzyklopädie . zurück…

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Peche, Martin / Wetscherek, Hugo.. Josef Schrammel. Kommentiertes Nachlaßverzeichnis. Mit einem Katalog der in eigenhändiger Niederschrift überlieferten Werke, Auszügen aus unveröffentlichten Quellen und einer historischen Würdigung des Quartetts von Heinz Hromada (= Katalog 7). Wien, Inlibris, 2000. 120 Seiten, ca. 40 Abbildungen. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

120 Seiten, ca. 40 Abbildungen. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

EUR 22.00

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Pichler, Gerd (Bearb.). Bertold Löffler. Zeichnungen - Skizzen - Entwürfe. Kommentiertes Verzeichnis eines Teilnachlasses des Jugendstilkünstlers und Mitglieds der Wiener Werkstätte (= Katalog 11). Wien, Inlibris, 2001. 148 Seiten, 200 Abbildungen. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

148 Seiten, 200 Abbildungen. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

EUR 28.00

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[Rainer Ferdinand, Erzherzog]. Erzherzog Rainers Reisen durch Südtirol. Eine Sammlung von 52 Originalaquarellen aus den Jahren 1848 bis 1851 (= Katalog 12). Wien, Inlibris, 2003. 60 Seiten, 57 farbige Abbildungen. Broschiert (13,5 x 20 cm).

60 Seiten, 57 farbige Abbildungen. Broschiert (13,5 x 20 cm).

EUR 35.00

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Wetscherek, Hugo. Kafkas letzter Freund. Der Nachlaß Robert Klopstock (1899-1972). Mit kommentierter Erstveröffentlichung von 38 teils ungedruckten Briefen Franz Kafkas. Bearbeitet von Christopher Frey und Martin Peche, herausgegeben von Hugo Wetscherek. Mit Beiträgen von Leonhard M. Fiedler und Leo A. Lensing (= Katalog 13). Wien, Inlibris, 2003. 312 Seiten. Leinenband (18 x 24,5 cm). Mit 110 Abbildungen und einem lose beiliegenden vollfarbigen Faksimile.

312 Seiten. Leinenband (18 x 24,5 cm). Mit 110 Abbildungen und einem lose beiliegenden vollfarbigen Faksimile.

EUR 68.00

Book reviews

Orgien der “Fackel”-Lektüre und leichtere hebräische Texte. Unbekannte Briefe Franz Kafkas an Robert Klopstock

Rezension in: Literaturkritik.de 8 (August 2003), Axel Schmitt

„Lieber Robert, wie ist denn das; ich hätte gar nicht geschrieben? 2 Briefe und eine Karte, es kann doch nicht alles verloren sein.“ So beginnt das früheste erhaltene Schreiben Franz Kafkas an den damals einundzwanzigjährigen Robert Klopstock. Kafkas Vermutung, die drei oben genannten Korrespondenzstücke seien verloren gegangen, hat sich ebenso als richtig erwiesen, wie der Umstand, dass 26 weitere Briefe und Postkarten an Robert Klopstock nicht mehr auffindbar sind. Im Gegensatz dazu haben sich glücklicherweise 38 Briefe erhalten, die Martin Peche in einem Katalog des Antiquariats Inlibris ediert hat und die das Gros von Kafkas Schreiben an den von Max Brod wenig schmeichelhaft als „verrückt“ bezeichneten „Dr. Klopstock“ bilden. Der bisher verschollene Korrespondenzbestand enthält neben 14 nur unter teils relevanten, bis zu ganzseitigen Auslassungen von Brod gedruckten auch sieben gänzlich unveröffentlichte Schriftstücke Kafkas. Die Briefe stammen sämtlich aus den vier letzten Lebensjahren Kafkas, aus der Zeit der Krankheit des Prager Literaten also, die fast ausschließlich durch Erfahrungsberichte an die Freunde und die Familie dokumentiert ist. Nach Hartmut Binder war es Robert Klopstock, dem Kafka innerhalb des genannten Kreises die größte Bedeutung und die ausführlichsten Schreiben zusandte. Der Korrespondenz mit Klopstock kommt bis zur letzten Postkarte deshalb eine, wie Max Brod 1924 treffend bemerkt hat, besondere Bedeutung zu, weil jede „einzelne [Mitteilung] dieselbe Natürlichkeit und Intensität besitzt wie Kafkas literarisches Werk“. Der Briefwechsel endet erst mit jenem Schreiben, in dem Kafka den Freund ersucht, von der „Gewalttat“ eines Besuchs bei ihm Abstand zu nehmen. Bekanntlich ist Klopstock trotzdem in Wien erschienen, hat Kafka bis zu seinem Tod im Sanatorium Kierling betreut und bildete gemeinsam mit Dora Diamant die „kleine Familie“ des Sterbenden. Klopstock war, wie Klaus Mann in seinen Tagebüchern notiert, derjenige, in „dessen Armen Franz Kafka gestorben“ ist.

Das eigentliche Ereignis dieser bisher unbekannten Kafka-Briefe liegt nun vor allem darin, eingehender nach Robert Klopstock zu fragen, mehr über den aus Ungarn stammenden Medizinstudenten mit literarischen Ambitionen zu erfahren, als es die dürren Informationen bieten, nach denen Kafka den sechzehn Jahre jüngeren Klopstock 1921 im Sanatorium in Matliary kennen gelernt hatte und Klopstock 1972 in New York als anerkannter Mediziner und hochrangiger Wissenschaftler auf dem Gebiet der Lungentuberkulose gestorben ist. Das hat vermutlich seine Ursache in Klopstocks lebenslanger Zurückhaltung, sich zu Kafka zu äußern oder gar über das ihnen Gemeinsame und damit auch über sich selbst zu berichten. Folgerichtig hat Klopstock, der von einigen Kafka-Biographen als „undurchdringlich und rätselhaft“ wahrgenommen wurde, seinen Nachlass zu Lebzeiten auf das ihm wesentlich Erscheinende reduziert. Wo es ihm möglich war, hat er versucht, die persönlichen oder privaten Spuren zu verwischen oder gar zu tilgen. Gleichwohl ist, wie Christopher Frey in der Aufarbeitung des Überlieferten zeigen kann, genug erhalten geblieben, um sich eine Vorstellung von Kafkas letztem Freund zu machen, die weit über das bisher Bekannte hinausgeht. Eine erste Skizze zu Klopstocks Biographie zeichnet Frey als Einleitung zum kommentierten Katalog der Nachlässe Robert und Giselle Klopstocks in dem erwähnten Band.

Von besonderer Bedeutung ist das Verhältnis Klopstocks zur Familie Mann. Das im Nachlass befindliche Widmungsexemplar von Klaus Manns Essaysammlung „Escape to Life“ ist der einzige erhaltene Zeuge für dessen enge Bindung an Robert Klopstock. Möglicherweise hat die vollständige Vernichtung der ehemals „dichten Korrespondenz“ Klaus Manns mit Klopstock seinen Grund in der ungeklärten Rolle, die Klopstock 1949 beim Freitod seines Freundes gespielt haben soll. Für Thomas Mann war jedenfalls gesichert, wie er unter dem Datum des 25. Mai 1949 in seinem Tagebuch notiert, dass sein Sohn „das Gift […] von dem idiotischen Klopstock erhalten“ hat. Der zuvor regelmäßig gepflegte Austausch mit Robert Klopstock war für den Vater damit natürlich beendet. Das erstaunt umso mehr, da Thomas Mann schon Ende Juni 1936 an Albert Einstein in Princeton „in Sachen des Budapester Dr. Klopstock“ geschrieben hat, wohl mit der Bitte, er möge für ihn nach Arbeitsmöglichkeiten in Amerika Ausschau halten. Ganz unter dem Eindruck des österreichischen „Anschlusses“, den er aus den USA mitverfolgt, bemüht sich Mann schon seit März 1938 wiederum um Hilfe für Klopstock, dieses Mal schließlich auch erfolgreich. Eine Trouvaille in Klopstocks Nachlass verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit: das Widmungsexemplar von „Lotte in Weimar“, enthält es doch Thomas Manns eigenhändige Korrekturen gerade in jenem Kapitel, das Klopstock schon am Weihnachtstag 1938 bei einer abendlichen Lesung vom Autor selbst zu hören bekommen hat.

Klaus Mann bleibt in der Neuen Welt die erste medizinische Vertrauensperson, da Klopstock ihn zur Entwöhnung und zur Milderung der Entzugserscheinungen offenkundig mit dünnen Opiaten versorgt. Auch mit Thomas Mann trifft er sich fast jede Woche, zumeist zum Lunch. Klopstock hält Mann über Klaus‘ Gesundheitszustand auf dem Laufenden und gibt ihm Vitamintabletten. Wie Mann in seinen Tagebüchern notiert, sprechen sie über die ihn spätestens seit der Arbeit am „Zauberberg“ interessierende Lungenchirurgie und Inhalationsapparate. Klopstock behandelt Michael Manns Gelbsucht und beruhigt Thomas Mann aus medizinischer Sicht über die Wirkungen seiner Morgenzigarre. Als Informationsquelle zu Kafka stellt er sich vornehmlich Klaus Mann zur Verfügung, der den Kafka-Abschnitt seines Essaybandes „Distinguished Visitors“ auf der Grundlage von Klopstocks Briefen verfasst. Der Text, der zu Lebzeiten nur in umgearbeiteter Form als Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von „Amerika“ publiziert wurde, erwies sich als sein „einziger Erfolg von Dauer in den USA“ und brachte seinem Verfasser ebendort den posthumen Ruf eines Kafka-Experten ein. Obwohl die enge Freundschaft der beiden spätestens seit Mitte der 40er Jahre an Intensität nachgelassen zu haben scheint – nach Mai 1943 findet sich der Name Klopstock nicht mehr in Manns Tagebuch -, reißt der Kontakt offenbar nicht ganz ab, da Klopstock seinen Schützling auch in Europa noch mit „Entwöhnungsmitteln“ versorgt hat, bei denen es sich um eine neue, „den südfranzösischen Landärzten noch nicht bekannt[e]“ Substanz, vermutlich ein verdünntes Morphium, gehandelt hat. In jedem Fall hätte es Klaus Mann zur Erzielung einer Rausch- oder Todeswirkung mit starkem Rauschgift kombinieren können, was die Heftigkeit der Reaktion Thomas Manns auf den Suizid seines Sohnes erklären mag. Gleichwohl sprechen alle bekannten Fakten gegen diesen Verdacht. Zeugnisse von Freunden, Patienten und Kollegen unterstreichen Robert Klopstocks behutsame Menschlichkeit, seine Integrität und seinen Willen, sich in die zum Teil schwierige Situation der ihm anvertrauten Menschen hineinzuversetzen. In seiner, ein knappes Jahrzehnt nach Kafkas Tod entstandenen Dissertation weist er auf „den großen subjektiven Wert“ hin, der die von ihm vorgeschlagene Behandlungsmethode, „für diese hoffnungslos Kranken“ habe: „Die Tatsache, daß es gelingt, mit [ihrer] Hilfe diese Schwerkranken bis zu ihrem Tode von ihren entsetzlichen Qualen zu befreien, erscheint uns vom Standpunkte der ärztlichen Hilfeleistung von großer Bedeutung.“

Was darüber hinaus aus den Nachlässen von Robert und Giselle Klopstock zum Sprechen gebracht werden könnte, wenn man das darin Enthaltene systematisiert und in einen größeren Deutungskontext zu stellen vermag, davon geben die im letzten Teil des Bandes abgedruckten Beiträge von Leonhard M. Fiedler, der die enge auch auf literarischem Gebiet fruchtbare Beziehung Kafkas zu Klopstock nachzeichnet, und Leo A. Lensing, dessen Anmerkungen zu Kafkas Briefen an Robert Klopstock sich auf den „Fackel“-Leser und Werfel-Verehrer konzentrieren, eine erste durchaus beeindruckende Vorstellung. Lensing unterstreicht zu Recht, dass das in den meisten biographischen Versuchen vermittelte Bild von Klopstock als ärztlichem Helfer und Pfleger die Sicht auf einen wichtigen Aspekt seiner Bedeutung für Kafka verstellt. Er war nicht nur „Mediciner“, sondern er war auch, wie es in verschiedenen Briefen an Max Brod und Ottla identisch heißt, „sehr literarisch“. Jesus und Dostojewski seien seine Leitfiguren, vermerkt Kafka. Dass er Jude, aber kein Zionist sei, wird auch beiden Briefpartnern mitgeteilt. Klopstock entwickelt sich zum Gesprächspartner für Themen, die mit Max Brod nur bedingt zu erörtern sind. Das betrifft nicht nur die wachsende Ambivalenz gegenüber dem Zionismus, sondern auch seine Ansichten über eine deutsch-jüdische Literatur. Unter den in Klopstocks Nachlass erhaltenen Korrespondenzstücken befinden sich zudem beinahe alle Karten und Briefe, in denen Kafka Karl Kraus und „Die Fackel“ erwähnt, was, wie Lensing treffend bemerkt, umso wertvoller ist, als Kafka diesen Namen der ihn in den letzten Jahren seines Lebens so intensiv berührenden deutsch-jüdischen Literatur nur einige wenige Male überhaupt niedergeschrieben hat. Der österreichische Satiriker und sein Werk kommen in Briefen an Klopstock zwischen Dezember 1921 und Februar 1924 viermal, und damit doppelt so häufig vor wie im ganzen Tagebuch und in Briefen an andere. Schon diese kleine von Lensing bemühte Statistik verdeutlicht, wie wichtig der mit Klopstock geführte Dialog über Kraus und sein Werk für Kafka gewesen und wie er auch im Zusammenhang der zeitweise gespannten Beziehung zu Brod zu lesen ist.

Die von der Forschung nicht wahr genommene Präsenz von Karl Kraus in den Briefen fällt umso mehr auf, als in den gleichen Briefen Kafkas späte Beschäftigung mit dem Hebräischen im weiteren Sinne dicht daneben steht. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sich in Kafkas literarischen Arbeiten keine direkten Spuren des intimen Verhältnisses zum Hebräischen und Jiddischen findet. Nur in den Briefen und im „Oktavheft F“ des Nachlasses von Kafka lassen sich einige Hinweise für dessen tiefgründiges Interesse an der hebräischen Sprache finden. Immerhin fühlte sich Kafka sicher genug, um in einem Brief an Max Brod die Sprachkenntnisse seines Freundes mit den Worten eines Experten zu kommentieren: „Dein Hebräisch ist nicht schlecht, am Anfang sind einige Fehler; ist dann aber die Sache in Gang, wird es fehlerlos.“ Binnen relativ kurzer Zeit ist Kafka in der Lage, an seine Hebräischlehrerin Puah Menschel (Ben-Tovim) einen einfühlsamen Brief zu schreiben. Kafka glaubte, dass Puah ihren Eltern in einem Brief mitgeteilt habe, dass sie Prag und die Universität verlassen, und darauf noch keine Antwort erhalten habe. Er versuchte, die ihm nahe stehende Puah mit den folgenden Worten, die an die präzisesten Eintragungen seines Tagebuchs und seiner Briefe erinnern, zu beruhigen: „kama peanim bechajaji baarti bcharada cazot“ („Manches Mal in meinem Leben brannte ich mit einer ebensolchen Angst“). Wie umfangreich seine Hebräischkenntnisse gewesen sein dürften, belegt nicht zuletzt die Tatsache, dass Kafka mit seiner letzten Lebensgefährtin, Dora Diamant, Josef Chaim Brenners Epoche machendes Werk „Sch’chol we’kischalon“ („Sterben und Scheitern“, 1920) gelesen hat. In dem Brief vom 30. Juni 1922 ist die nun neu zu beobachtende Nähe des Hebräischen zu Kraus-Texten durch den unmittelbaren Übergang von dem Bild der „Fackel“ als „süsse Speise aller guten und bösen Triebe“ zum Titel von Hans Blühers antisemitischem Pamphlet „Secessio judaica“ wohl am kompliziertesten. Kafka fordert Klopstock in diesem Brief auf, eine Replik zu schreiben, zu der er sich selbst nicht imstande sieht, da der „Talmudist“, den er „irgendwo in [s]einer Geschlechterfolge“ sitzend vermutet, ihn nicht genug aufmuntere. Unverkennbar bezieht sich Kafka hier auf Kraus, dessen Stil, wie Walter Benjamin es 1928 treffend formuliert hat, als „der großartigste Durchbruch des halachischen Schrifttums mitten durch das Massiv der deutschen Sprache“ zu verstehen ist. Gershom Scholem berichtet, dass Benjamin und er auch schon im Herbst 1921, also ungefähr gleichzeitig mit den von Kafka und Klopstock geführten Briefdialogen, „über die Herkunft des Stils von Kraus aus der hebräischen Prosa und Dichtung des mittelalterlichen Judentums […], der Sprache der Halachisten“ diskutiert hätte.

In einem Brief von Mitte November 1923, in dem Kafka Klopstock für die Übersendung der Aufsatzsammlung „Untergang der Welt durch schwarze Magie“ dankt, heißt es, er lese sonst nur wenig und „nur hebräisch, keine Bücher, keine Zeitungen, keine Zeitschriften oder doch: die Selbstwehr“. In seinem letzten Brief, in dem von den „Orgien“ der „Fackel“-Lektüre die Rede ist, berichtet Kafka schließlich, dass er auch „in einem hebräischen Buch […] täglich ein wenig las. Man darf gespannt sein, zu welchen neuen Erkenntnissen diese in den Briefen an Klopstock begegnende Gleichzeitigkeit von Kraus-Lektüre und hebräischen Leseübungen, die der Forschung bislang entgangen ist, führen wird. Fraglos wäre dies nicht das geringste Verdienst dieser vorbildlich edierten und sorgfältig kommentierten Ausgabe der zum Teil faksimilierten Briefe Kafkas an seinen „letzten Freund“ Robert Klopstock.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6241

Hugo Wetscherek (Hg.): Kafkas letzter Freund. Der Nachlaß Robert Klopstock (1899-1972). Mit kommentierter Erstveröffentlichung von 38 teils ungedruckten Briefen Franz Kafkas. Bearbeitet von Christopher Frey und Martin Peche. Inlibris Verlag, Wien 2003. 312 Seiten, 65,00 EUR. ISBN 3950081399

‘Robert! Helfen was zu helfen ist!’

Rezension in: Kafka Katern 1/2003 (Jg. 11), S. 17, Niels Bokhove

Hugo Wetscherek (Hrsg.), Kafkas letzter Freund. Der Nachlaß Robert Klopstock (1899-1972). Mit kommentierter Erstveröffentlichung von 38 teils ungedruckten Briefen Franz Kafkas. Bearbeitet von Christopher Frey und Martin Peche […]. Mit Beiträgen von Leonhard M. Fiedler und Leo A. Lensing. Wien: Inlibris, 2003. – ISBN 3-9500813-9-9. – 312 S., EUR 65,00.

In de laatste weken van zijn leven, in april-juni 1924, werd de aan tuberculose lijdende Kafka niet alleen bijgestaan door zijn partner Dora Diamant. Buiten zijn medeweten schreef ze op 13 april enkele vertwijfelde regels bij een kaart van hem aan zijn medisch gevormde vriend Robert Klopstock: ‚Robert! Helfen was zu helfen ist! Die Medizin-Ärzte sind am Ende ihrer Macht. Absolut aufgegeben. […] Robert helfen! Raten was anfangen.‘ Kafka’s tekst op die kaart is allang gepubliceerd, maar Dora’s noodkreet niet. Die regels, en nog veel meer nieuws, staan nu in de catalogus van Klopstocks nalatenschap, die het Weense antiquariaat Inlibris te koop aanbiedt.

Kafka en de toen 21-jarige Hongaarsjoodse Klopstock hadden elkaar begin 1921 in een sanatorium in de Tatra leren kennen. Klopstock zat toen niet alleen qua gezondheid in de problemen (eveneens tbc), maar evenzeer met de voortzetting van zijn studie geneeskunde. Na Kafka’s vertrek bleven ze in schriftelijk contact. Kafka probeerde hem op allerlei manieren uit zijn misère te helpen: baan (uitgeverij), paspoort en studie. Klopstock dacht aan het vertalen van Hongaarse literatuur in het Duits en Kafka regelde voor hem het Hongaarse vertaalrecht van zijn werk (maar kreeg pal daarn atehoren dat de nu beroemde Sándor Márai al een vertaling van Die Verwandlung gepubliceerd had!). Klopstock stuurde hem als wederdienst af en toe tijdschriften toe, o. a. Karl Kraus‘ Fackel. Tijdens zijn leven met Dora in Berlijn, 1923-24, wilde Kafka niet da Klopstock hem daar opzocht, maar eenmaal zwaar ziek in Kierling stelde hij de komst van zijn medische vriend zeer op prijs- Klopstock bleef tot na Kafka’s tood. Daarna verdween Klopstock in de mist van de geschiedenis, behalve dan zijn korte herinneringen waar Kafka-uitgever Schocken in de jaren vijftig om vroeg. Hij zou werkzaam zijn geweest als tbc-specialist in de Verenigde Staten.

De briefwisseling tussen Klopstock en Kafka speelde zich af tussen medio 1922 en april 1924. In totaal gaat het om 59 berieven en kaarten, door Max Brod opgenomen in Briefe 1902-1924 uit 1958. Eén brieffragment, dat al eerder was afgedrukt in Tagebücher und Briefe uit 1937, ontbrak vreemd genoeg.

Twintig jaar na Klopstocks dood (1972), maar – belangrijker – zeven jaar na de dood van zijn vrouw Giselle, is zijn én haar literaire nalatenschap in handen gekomen van antiquariaat Inlibris in Wenen, die het nu voor het enorme bedrag van EUR 1,2 miljonen als één geheel te koop aanbiedt. Ik ga hier niet in op de terechtheid van deze prijs, interessanter is het om na te gaan wat de literaire ‚winst‘ van deze papieren is.

De boedel bevat in het totaal 37 brieven, veel minder dus dan in Brods brievenuitgave. Vreemd en jammer genoeg zijn er namelijk 30 reeds bekende brieven of brieffragmenten verdwenen! Pluspunt is weer dat van die 37 er zes onbekend waren en dat van veertien, naar nu blijkt maar deels gepubliceerde brieven voortaan de volledige tekst beschikbaar is. Verder zit er nog een ‚Gesprächszettel‘ bij die Kafka gebruikte toen hij door de tbc niet meer kon praten. Dat is al een hele winst. Klopstocks aandeel is waarschijnlijk ooit door Kafka vernietigd.

Maar de erfenis van de Klopstocks is nog rijker dan dat, en dan beperk ik mij uiteraard tot Kafka. Ik noem brieven van uitgever Schocken over de uitgave van Kafka’s Gesammelte Werke (1846/47), Franz Werfel (1934), Thomas Mann (1940) (Klopstock was in de jaren dertig goed bevriend met diens zoon Klaus Mann). Verder foto’s uit het sanatorium in de Tatra, geknipt uit de eerste druk van Wagenbachs Kafka-fotoboek en met bijschriften van Klopstock. In Klopstocks biblioteek bevinden zich exemplaren van de eerste druk van Der Prozeß (1925), Amerika (1927) en Beim Bau der Chinesischen Mauer (1931). Bovendien bleek tussen de papieren ook de aanzet tot de Hongaarse vertaling ven Der Prozeß door Giselle Klopstock-Deutsch (1902-1995) te zitten.

Met deze documenten heeft opeens ook Klopstocks verborgen leven reliëf gekregen. Zijn vriendschap met Kafka heeft hij kennelijk zijn leven lang voor zichself willen houden, nu kennen we er postuum getuige van zijn.

De gedateilleerde en zorgvuldige beschrijving van de collectie, in veel gevallen met afbeeldingen en facsimile’s, krijgt een extra dimensie door de uitstekende extra bijdragen: een biografische schets van Klopstock door Christopher Frey, een portret van hem als laatste vriend van Kafka door Leonhard M. Fiedler en een beschouwing over de Fackel- en Werfel-interesse van beide vrienden door Leo A. Lensing.

Al met al gaat het om een zeer bijzondere collectie, waarvan het te hopen is dat zij niet, zoals Kafka’s brieven aan Felice Bauer, bij een anonieme koper terechtkomt. Hoe dan ook hebben we altijd nog dit prachtig verzorgde boek.
Kafka Katern: http://www.kafka-kring.nl/abstracts.html

Wetscherek, Hugo (Hrsg.): Kafkas letzter Freund. Der Nachlass Robert Klopstock (1899-1972). M. SW-Abb. u. Faks. Wien: Inlibris 2003. 312 S., Ln., ATS 894 / EUR 65 (PL). ISBN 3-95008113-9.

Rezension in: Bücherschau 2/2003 (159), S. 81, Hugo Pepper

Dieses Buch enthält, wie die umfangreiche Untertitelung mitteilt, 38 teils unveröffentlichte Briefe Kafkas, die dem Leser, durch begleitende Kommentare aufgehellt, zur Verfügung stehen. Als Bearbeiter werden Christopher Frey und Martin Peche genannt. Aus Klaus Manns Tagebuch weiß man, dass Robert Klopstock Kafkas Tod nahe miterlebt hat. Der Mediziner mit literarischen Ambitionen und Kafkas Lebensgefährtin Dora Diamant bildeten Kafkas „kleine Familie“ in dessen allerletzter Lebensphase. Darüber hinaus vermittelt der Brief- und Dokumentarband Einblick in das Schicksal des letzten Kafka-Freunds und seiner Frau Giselle. Beide wurden durch den Nazismus zur Emigration gezwungen und wanderten in die USA aus. Die sie umgebende Personage, darunter der bereits erwähnte Klaus Mann, Albert Einstein, Franz Werfel und viele andere, bildet den Hintergrund der akademischen Karriere Klopstocks als Lungenchirurg (die TBC, an der er als junger Mann laborierte, hatte ihn zu Kafka ins Kierlinger Sanatorium geführt).

Lebensdokumente von Robert und Giselle Klopstock und Hinweise auf ihre Literatur- und Sammelleidenschaft runden den Band ab. Nebenher erfährt man auch von Max Brods Retuschen, der in seiner Kafka-Reminiszenz Briefteile von Dora Diamants Hand eliminiert hat. Ein Aufsatz „Kafkas letzter Freund“ von Leonhard M. Fiedler und die Studie „Fackel-Leser und Werfel-Verehrer“ von Leo A. Lensing, als Anmerkungen zu Kafkas Briefen gedacht, ergänzen den Band wesentlich. Obwohl in Katalogform gestaltet, wird er für qualifizierte Kafka-Leser interessant sein, nicht zuletzt auch für die Bibliothekare selber.
Bücherschau: http://www.buecherei.at

Wider den roten Vormund. Kafka und seine Freunde: Aus Anlaß einiger Neueditionen

Rezension in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.2.2004, Nr. 32 / S. 46, Hanns Zischler

[…] Hinzuweisen ist auf den gehaltvollen Band „Kafkas letzter Freund“ über den Arzt Robert Klopstock. Mit großer Sorgfalt haben der Herausgeber Hugo Wetscherek und seine Mitarbeiter es verstanden, aus dem verstreuten großen Nachlaß und entlegenen Bildmaterial durch das textlich feingewirkte Lebenspanorama des großen Arztes ein wirkliches Epochenbild vor uns erstehen zu lassen. Erhellend der Beitrag von Leonhard M. Fiedler und – für Kraus- und Werfel-Leser unentbehrlich – der dichte Aufsatz von Leo A. Lensing.

„Kafkas letzter Freund“. Der Nachlaß Robert Klopstock (1899-1972). Mit komment. Erstveröffentlichung von 38 teils ungedruckten Briefen Franz Kafkas. Bearb. von Christopher Frey und Martin Peche. Hrsg. von Hugo Wetscherek. Inlibris, Wien 2003. 312 S., 110 Abb., geb., 65,- [Euro].

Wetscherek, Hugo, ed. Kafkas letzter Freund. Vienna: Inlibris, 2003, 312 pp. EUR 65,00 hardcover.

Rezension in: The German Quarterly 77, No. 4, S. 511-512, Paul Reitter, The Ohio State University

Renown came posthumously for Kafka. But the small circle of friends who venerated him during his lifetime did not have to wait long to see their taste affirmed on a massive scale. One of those friends, Max Brod, was in a direct way responsible for Kafka’s success. For Brod rescued Kafka’s works, the great majority of which were printed after his death in 1924, one and a half times. Brod famously disregarded Kafka’s semi-serious injunction to burn his manuscripts. And he got Kafka’s manuscripts out of Prague shortly before WW II began, transporting them safely to Palestine, where he guarded over them until the threat of more violence induced him, decades later, to send them back to Europe. In an odd double-gesture, then, Brod at once made Kafka’s writing public and kept it private. That is, he edited Kafka’s works and arranged for them to be published, while making sure Kafka’s manuscripts stayed off-limits. Thus another odd circumstance developed. Despite the steadily burgeoning interest in Kafka — by 1943 Edmund Wilson had begun to speak of a Kafka craze in American letters — a scholarly critical edition of his works became available only quite recently.

But Kafka’s complicated publication history hardly ends there. When Brod, who edited Kafka with notorious invasiveness, sent the original, hand-written texts of Kafka’s literary works to a secure place in Switzerland, not all of the letters on which he based his editions of Kafka’s correspondences made the trip. Some letters now count as lost. The Herausgeber of the critical edition therefore had to rely in many cases on Brod’s versions of Kafka’s letters.

This is true, for example, of most of Kafka’s letters to Robert Klopstock. According to Hartmut Binder, Klopstock — who was a young medical student when Kafka befriended him — was nothing less than Kafka’s most important correspondent during the last three years of his life. For if Kafka’s late letters speak „‚gewöhnlich nur von praktisch-organisatorischen Dingen und reduzieren sich im Persönlichen auf ein minimales, niemand verletzendes Aufrechterhalten alter Beziehung'“ (5), his candid epistolary utterences to Klopstock are a rich exception to this rule. They offer abundant insight into Kafka’s emotional state in the final phase of his life.

In this context, finding nearly forty letters from Kafka in Klopstock’s Nachlaß, then publishing them in their entirety for the first time — seven letters had not been published at all — is no small matter. And that is precisely what the editors of the handsome new Inlibris catalogue, Kafkas letzter Freund, have done. They have done it, moreover, with care and craftsmanship, reproducing in facsimile form many hand-written pages and postcards, and providing scrupulous annotations and helpful biographical essays an Klopstock and his wife Giselle.

The letters themselves are not revelatory. After all, Brod, who seems to have been jealous of Klopstock’s close relationship with Kafka, did print some of Kafka’s missives to Klopstock, if also generally in abbreviated form — and sometimes, it turns out, with rather drastic excisions. But the complete versions of those letters do substantially add to our knowledge of how Kafka experienced his final years, and especially the physical toll of his illness.

Kafka and Klopstock, a Hungarian Jew with a vibrant interest in literature, discussed other issues as well, including Judaism and contemporary literature and the points of intersection between those two topics. Indeed, one of the most fascinating and cryptic parts of the correspondence is their collective meditation on the German-Jewish satirist Karl Kraus — and, more specifically, on the Jewishness of Kraus’s vaunted prose style. Here, in effect, Kafka delivers a striking and puzzling addendum to the striking and puzzling — and considerably more famous — remarks he makes in a June 1921 letter to Brod, according to which „no one can speak Mauscheln [or Yiddish-inflected German] like Kraus.“ Fortunately, the editors of Kafkas letzter Freund have included an essay on just that subject, „Fackel-Leser und Werfel-Verehrer. Anmerkungen zu Kafkas Briefen an Robert Klopstock,“ by the long-time Kraus expert Leo A. Lensing. This admirably learned and elegantly written analysis goes much further than anything extant in Kafka or Kraus scholarship toward clarifying Kafka’s claims about Kraus. The final section of an important volume, Lensing’s article is an appropriately potent last word.

Kafkas letzter Freund. Der Nachlaß Robert Klopstock (1899-1972).

Rezension in: Germanistik 45 (2004), Heft 3/4, S. 928, Nr. 6361, Anthony Northey, Wolfville/NS

Mit kommentierter Erstveröffentlichung von 38 teils ungedruckten Briefen Franz Kafkas. Bearb. von Christopher Frey und Martin Peche, hrsg. von Hugo Wetscherek. Mit Beitr. von Leonhard M. Fiedler und Leo A. Lensing. – Wien: Inlibris, 2003. 312 S.; zahlr. Ill. + Postk.-Beil. ([2] S.) (Katalog / Antiquariat Inlibris;13) ISBN 3-9500813-9-9: EUR 65.00

Der Antiquariatskatalog vereint hier (vielleicht zum letzten Mal) Material aus dem Nachlaß Robert Klopstocks und seiner Frau Giselle, darunter als Hauptattraktion 37 der 66 Briefe und Postkarten, die Franz Kafka zwischen Juni 1921 und April 1924 an den 16 Jahre jüngeren Medizinstudenten und Freund schickte, dazu einen Gesprächszettel (4 Sätze) vom Krankenlager in Kierling – alles wissenschaftlich ediert und gut kommentiert – teilweise auch zusätzlich in kleineren Fotos reproduziert. Sieben der Schreiben sind noch unveröffentlicht; bei 14 der anderen sind von Brod weggelassene Zeilen wieder hinzugefügt worden. Das von den Klopstocks stammende Material umfaßt Diverses, von Manuskripten bis hin zu dem Namensschild von Klopstocks Bürotür: Allerdings werden nur einige Briefe und Dokumente vollständig wiedergegeben (einige auch in Kleinfotos), andere nur exzerpiert. Die Übersichten über das Leben Klopstocks und seine Freundschaft mit Kafka von Frey und Fiedler überschneiden sich, und Lensings Arbeit geht vielleicht etwas über bloße im Untertitel angekündigte „Anmerkungen zu Kafkas Briefen an Robert Klopstock“ hinaus. Alle 3 sind jedoch interessant und brauchbar.

Rezension in: German Studies Review, Vol. 28, No. 1 (Feb., 2005), pp. 173-175, Franz R. Kempf, Bard College

Kafkas letzte Liebe, Kafkas letzter Freund ­- moribunde Marktstrategie einer morbiden Industrie? Das Eigentliche, der Mensch, als Untertitel? Erstveröffentlichung von schon Gedrucktem? Irgendwie kafkaesk dies alles, aber gerade deshalb unendlich faszinierend.

Dora Diamant, 1898 in einem polnischen Stetl geboren und 1952 im Londoner Exil gestorben, war die einzige Frau, mit der Kafka zusammengelebt hat. Von September 1923 bis Marz 1924 teilten sie verschiedene Wohnungen in Berlin, danach, bis zu seinem Tod am 3. Juni 1924, pflegte sie den Tuberkulosenkranken selbstaufopfernd auf seiner Odyssee von Sanatorium zu Sanatorium in und um Wien. Der Unterschied zu seinen früheren (Brief-)Beziehungen (Felice Bauer, Milena Jesenska) war so frappierend, dass Kafka selbst seinen Umzug nach Berlin mit dem „Zug Napoleons nach Russland“ verglich (Briefe 447). Persönlich eher das Gegenteil von Kafka war es wohl vor allem die Sprache, Literatur und Kultur des Ostjudentums, die durch sie für ihn höchst lebendig wurden. Auch der Hebräisch-Unterricht und der Traum einer Auswanderung nach Palästina (wo man ein Restaurant eröffnen wollte, mit Diamant als Köchin und Kafka als Kellner) gehören zu der beiden geistigem Band.

Nach einer Ausbildung zur Schauspielerin und einem einjährigen Engagement an einem rheinischen Provinztheater lebt Diamant ab 1929 wieder in Berlin, ist aktiv im kommunistischen Untergrund, heiratet einen KPD-Funktionär, dem sie 1936, zusammen mit der zweijährigen Tochter, ins Moskauer Exil folgt. Während ihr Mann in die stalinistische Säuberungsmaschinerie gerät, gelingt es ihr und der Tochter, sich auf bisher ungeklärte Weise in den Westen abzusetzen und in England Asyl zu finden. Ein Jahr lang ist sie auf der Isle of Man als „enemy alien“ interniert, überlebt den Krieg in London, wo sie schließlich, nicht ohne zuvor noch Israel gesehen zu haben, an einem chronischen Nierenleiden stirbt.

Seit 1985 ist Kathi Diamant der nicht mit ihr verwandten Dora Diamant auf der Spur. Sie hat Personen ausfindig gemacht und interviewt, die Dora noch gekannt haben, wie z.B. Kafkas Nichte Marianne Steiner. Mit feinster detektivischer Spürnase hat sie biographische Dokumente zu Tage gefördert, von deren Existenz gar niemand wusste, darunter Diamants Komintern-Dossier in Moskau. Das für die Kafka-Forschung wohl vielversprechendste (allerdings nicht öffentlich zugängliche) Fundstück sind die im Nachlass von Marthe Robert entdeckten handschriftlichen „Memoiren“ Diamants. Noch brisanter waren natürlich die von der Gestapo aus Diamants Wohnung beschlagnahmten Notizhefte Kafkas aus der Berliner Zeit und seine Briefe an Diamant. Sie gelten aber als verschollen.
Als eigentliche Biographin ist Diamant weniger erfolgreich. Dafür ist die vorliegende Biographie, die erste über Dora Diamant, zu sehr ein Zwitter. Für eine „äußere“ Biographie ist sie zu geschwätzig, für eine „innere“ Biographie ist sie zu laienhaft. Mit seiner ihm eigenen Präzision und Prägnanz hat Kafka die Bedeutung Diamants gleichsam auf den Punkt gebracht: „Sie [Diamant], die aus dem Osten kommt, ein dunkles ahnungsvolles Etwas, wie aus einem Dostojewskibuch entlaufen“ (Briefe 436). Störend wirken schließlich auch die hier wiederholt hergestellten, aber mitunter ans Banale grenzenden Verbindungen zwischen Leben und Werk Kafkas.

Der Nachlass von Robert Klopstock stand Diamant nicht zur Verfügung. Unter den 38 hier kritisch hervorragend herausgegebenen Korrespondenzstücken Kafkas an Klopstock (14 davon sind zum ersten Mal vollständig, 7 zum ersten Mal überhaupt gedruckt) hätte sie auch von Brod unterdrückte Nachschriften Dora Diamants gefunden. Sie legen beredtes Zeugnis ab „von der außerordentlichen Nähe zwischen Kafka und Dora“ (6). Über die Gründe von Brods auch sonst berüchtigter editorischer Willkür kann man nur spekulieren. Bei Diamant spielte wohl Eifersucht mit, bei Klopstock – gerade seine Briefe scheint er besonders gern zu kürzen – waren es eher ideologische Vorbehalte: wenn Kafka seinen neuen „Freund“ bei Brod mit den Worten einführt, er sei „antizionistisch,“ und „Jesus and Dostojewski [seien] seine Führer,“ dann musste Brod zu dem Schluss kommen, Klopstock habe gleich drei Teufel im Leibe (274). Klopstock, 1899 in Ungarn geboren und 1972 in New York als wissenschaftlich anerkannter Spezialist für Lungentuberkulose gestorben, hat Kafka 1921 bei einer Kur in Matliary kennengelernt – es war Kafka, der den 21jährigen wegen des Kierkegaard-Buches unter seinem Arm ansprach – und ihn bis zuletzt medizinisch versorgt. Welcher Art das Verhältnis über die Arzt-Patient Beziehung hinaus genau war, ist selbst unter Einbezug von Kafkas Gegenbriefen schwierig zu eruieren. Aufs Ganze gesehen beruhte die Verbindung wohl mehr auf Gegenseitigkeit als landläufig angenommen wird, d.h. Kafka war nicht nur „Vater“ und „Mentor“, Klopstock nicht nur ehrfürchtiger Bewunderer. Vereinzelte Briefstellen suggerieren eine gewisse homoerotische Anziehungskraft. Faktisch abgesichert ist ein reger geistiger Austausch. Im Vordergrund standen dabei zwar Philosophie und Religion, aber Klopstock machte Kafka auch mit ungarischer Literatur bekannt, besonders mit dem von ihm ins Deutsche übersetzten Satiriker Frigyes Karinthy und dem Lyriker Endre Ady.

Der für die Kafka-Forschung wohl wichtigste Gewinn aus dem nunmehr zugänglichen Nachlass ist der Nachweis von Kafkas intensiver Fackel-Lektüre. Damit eröffnet sich hinter allem Siechtum und allen äußeren Widerlichkeiten ein innerer geistiger Zusammenhang, auf dem Kafkas letztes Lebensjahr ruht, nämlich sein Judentum. Eingedenk der von Kafka sicherlich geteilten Überzeugung Gershom Scholems, dass sich der „Stil von Kraus aus der hebräischen Prosa und Dichtung des mittelalterlichen Judentums, der Sprache der Halachisten“ herleiten ließe (279-80), erscheint Disparates plötzlich vernetzt: seine „Liebe“ zu Diamant mit seiner letzten Erzählung Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse, seine „Freundschaft“ zu Klopstock mit seiner hier erneut zum Ausdruck gebrachten Kritik an Werfel, der für ihn, aufgrund seiner neuesten Werke, zum Verräter an der deutsch-jüdischen Literatur geworden war (290-91). In einem der an Klopstock gerichteten Gesprächszettel, mit denen Kafka am Schluss kommunizierte, heißt es: „Lesen Sie auch die Episode aus Werfels Roman [Verdi]. Es geht mir wieder so nah wie [Werfels Drama] Schweiger, ich kann darüber nichts sagen“ (74). Gesagt hat er tatsächlich nichts, als Werfel ihn noch in Berlin besuchte. Wie Diamant zu berichten weiß, kam Werfel weinend aus Kafkas Zimmer gerannt, weil der während ihrer Unterhaltung seinen Schweiger mit keinem Wort erwähnte (84). Ausgeschwiegen hat sich Kafka auch darüber, welche Verdi-Episode er meinte. Ein weiteres Rätsel für die Kafka-Forschung also, wenn auch nicht das letzte.

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Wetscherek, Hugo. Zur Geschichte der Wiener Operette. Autographen, Photographien und Dokumente aus den Nachlässen von Leo Fall, Viktor Léon, Heinz Reichert, Lotte Lehmann, Eduard Strauß, Gustav Lewy, K. A. Sachse, Ignaz Wild (= Katalog 5). Wien, Inlibris, 1996. 68 Seiten, über 100 Abbildungen. Broschiert (15,7 x 23 cm).

68 Seiten, über 100 Abbildungen. Broschiert (15,7 x 23 cm).

EUR 22.00

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Wetscherek, Hugo. Max Reinhardt. Manuskripte, Briefe, Dokumente. Katalog der Sammlung Dr. Jürgen Stein. Mit Auszügen aus unveröffentlichten Schriften, einer Anmerkung zur bisherigen Editionspraxis und einer M. Reinhardt Personalbibliographie von Marcel Atze (= Katalog 6). Wien, Inlibris, 1998. 247 Seiten, ca. 80 Abbildungen. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

247 Seiten, ca. 80 Abbildungen. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

EUR 22.00

Book reviews

Zauberer mit 1700 Nummern

Rezension in: FAZ, 17.06.1998, Nr. 137, Ulrich Weinzierl

Katalog einer Legende: Der Nachlaß des Regisseurs Max Reinhardt gehört nach Wien

Er war der Erfinder der Spezies Regisseur, wenigstens in der Personalunion von Künstler und Star. Stets galt er in seinem Metier und außerhalb als großer Verzauberer und Liebhaber; er konnte Massen ebenso inszenieren wie das subtilste Kammerspiel der Gefühle: Max Reinhardt ist im ersten Drittel unseres Jahrhunderts der ungekrönte König des deutsch-österreichischen Theaters gewesen. In mehr als einem Dutzend Berliner Bühnen hatte der Konzern- und Schlossherr zwischen 1902 und 1933 das Sagen. Als der Emigrant 1943 in einem New Yorker Hotel verstarb, ging eine Epoche zu Ende, die Reinhardt-Legende überdauerte indes sämtliche Stile und Moden bis heute.

Vergleichbar zählebig erwies sich der Kampf um sein materielles Vermächtnis. Er reicht bis zum jüngsten, noch nicht beigelegten Restitutionskonflikt rund um das Berliner Deutsche Theater. Auch die Erben – Reinhardts Kinder und seine zweite Frau, Helene Thimig – hatten einander sehr zur Freude der Anwälte von Anfang an nicht das geringste erspart und kaum etwas geschenkt. Nicht zuletzt der aktenmäßige Niederschlag dieser Auseinandersetzungen kommt nun ans Licht der Öffentlichkeit.

Vor kurzem nämlich hat ein junger Wiener Antiquar, Hugo Wetscherek, einen hervorragend edierten Katalog herausgebracht, der einen beträchtlichen Teil des schriftlichen Nachlasses von Max Reinhardt detailliert beschreibt. Der zitatenschwere, zudem mit der ersten umfassenden Reinhardt-Bibliographie angereicherte Band gehört in jede theaterwissenschaftliche Bibliothek. Dabei ist die penible archivalische Erfassung bloß das Nebenprodukt in die Länge gezogener Ankaufsverhandlungen mit der öffentlichen Hand in Österreich. […]

In dem vom Katalog ausgebreiteten Material mit rund 1700 Nummern steckt eine gewaltige Fülle biographischer, kultur- und zeitgeschichtlicher Informationen. Insbesondere im kompletten Briefwechsel zwischen Max Reinhardt und Helene Thimig aus den Jahren 1917 bis 1943. Ferner in der Korrespondenz mit Gusti Adler und Reinhardts anderer Helferin Karla von Müffling. Neben Restbeständen der Bibliothek aus Schloss Leopoldskron, der Salzburger Sommerresidenz Reinhardts (darunter ein Prachtband über die Versailler Feste Ludwigs XIV.), Hofmannsthal-Autographen, Original-Blättern von Orlik und Corinth finden sich auch aufschlussreiche Dokumente über Reinhardts Scheidung von Else Heims, seine prekäre Finanzsituation, den Zugriff der Nationalsozialisten auf seinen Leopoldskroner Besitz und dessen Rückerstattung nach 1945. Am meisten beeindrucken die Lebenszeichen aus der Emigration, die von Not und Verzweiflung berichten.

Im November 1938 beklagte Max Reinhardt seiner Frau Helene gegenüber das grauenhafte Unrecht in Deutschland: „Es wäre vielleicht leichter zu ertragen, wenn das alles die fluchwürdige Tat eines bösen Genies wäre. Es ist aber ein rasender Tollhäusler, der mit gezücktem Messer herumläuft und herumbrüllt. Dabei werden die Wehrlosen zu Tode gemartert.“

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Wetscherek, Hugo. Hartmann Schedels Liber genealogiae et rerum familiarum, ein unpubliziertes Manuskript aus Fuggerbesitz. Mit einer Würdigung des zweiten überlieferten Porträts des Herausgebers der Schedelschen Weltchronik sowie Auszügen aus bisher unbekannten Dichtungen des Nürnberger Humanisten (= Katalog 8). Wien, Inlibris, 2000. 28 Seiten, 12 Abbildungen und eine Farbphotographie. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

28 Seiten, 12 Abbildungen und eine Farbphotographie. Broschiert (16,5 x 23,5 cm).

EUR 10.00

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Wittgenstein, Ludwig. Vier Originalmanuskripte, darunter die Hauptwerke (= Katalog 14). Wien, Inlibris, 2003. 18 Seiten. Mit 16 farbigen Abbildungen und einem gefalteten Frontispiz. Broschiert.

18 Seiten. Mit 16 farbigen Abbildungen und einem gefalteten Frontispiz. Broschiert.

EUR 28.00

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