Geschichte

„Rascheste und solideste Ausführung“ aller Aufträge verspricht Hermann Gilhofer seinen Kunden in der vom August 1883 datierenden Eröffnunganzeige der Buchhandlung Gilhofer, die er kurz zuvor im Haus Bognergasse 2 (zugleich Tuchlauben 3) eingerichtet hatte.1 Bereits im folgenden Jahr, am 1. Oktober 1884, trat Heinrich Ranschburg als Gesellschafter in das von diesem Zeitpunkt an als „Gilhofer & Ranschburg“ firmierende Unternehmen ein. Er war es, der dem von Hermann Gilhofer geleiteten Sortiment den Geschäftszweig des Antiquariats hinzufügte und so jene Firma begründete, die binnen weniger Jahre zu einer der bedeutendsten ihrer Branche auf dem Kontinent werden sollte.

Bereits 1903, zum Zeitpunkt des Austritts des Firmengründers Hermann Gilhofer, war es Heinrich Ranschburg gelungen, „seinem Geschäfte einen Weltruf zu verschaffen, nicht nur wegen der zielbewußten, gediegenen und vornehmen Führung seines großen Betriebs, sondern vor allem wegen der von ihm veranstalteten Bücher- und Kunstauktionen, die Käufer aus der ganzen Welt nach Wien brachten“.2

Bis 1912 hatte man bereits 102 Lagerkataloge und 99 Angebotslisten herausgebracht; 35 Auktionen, darunter jene der Bibliotheken Trau, Metternich und Schreiber, waren erfolgreich abgehalten worden. Binnen eines Jahrzehnts folgten noch die legendären Versteigerungen mit den Doubletten der Albertina, den Sammlungen des Prinzen Dietrichstein sowie die Auktionen mit dem Großteil der Bücher aus den Bibliotheken der Zarin Katharina II. sowie der Zaren Nikolaus I. und Alexander, schließlich auch noch die komplette Miniaturensammlung aus Zarskoje Selo.3

Das Lager des Antiquariats umfaßte zu diesem Zeitpunkt nicht weniger als 300 000 Bücher, 100 000 Kupferstiche und Lithographien sowie 25 000 Autographen. Um dieses „auf entsprechender Höhe zu erhalten“, mußte die Firma freilich schon damals die „großen Auktionen in London, Paris, Leipzig und München persönlich“ besuchen.4 Nach dem Tod Heinrich Ranschburgs im Jahr 1914 und dem Ausscheiden des 1902 eingetretenen Prokuristen Dr. Ignaz Schwarz übernahmen Dr. Ernst Philipp Goldschmidt und Wilhelm H. Schab die Geschäftsführung.

Seit 1926 war Gilhofer Alleinbeauftragter für den Verkauf der Gutenberg-Bibel des Benediktinerklosters St. Paul im Lavanttal.5 Nach Bildung eines Konsortiums und über Vermittlung des Chemieindustriellen und Sammlers Dr. Otto Vollbehr gelang 1930 schließlich der Verkauf der Bibel an die Library of Congress. Als das schönste der 48 erhaltenen Exemplare des wohl begehrenswertesten Buchs überhaupt6 ist sie dort in einer ständigen Ausstellung zu sehen.

Die unseligen Ereignisse des Jahres 1938 beendeten mit einem Schlag die bisherige Erfolgsgeschichte des Unternehmens: Wilhelm Schab und der mittlerweile an Stelle Goldschmidts in das Unternehmen eingetretene Erbenvertreter Otto Ranschburg wurden vom weiteren Schicksal ihrer Firma getrennt. Schab war gezwungen, mit dem Münchner Antiquar Hans W. Taueber in Verkaufsverhandlungen zu treten; nach deren Abschluß ging Schab nach New York, wo er unter eigenem Namen ein Antiquariat gründete, das später von seinem Sohn fortgeführt wurde. Otto Ranschburg emigrierte ebenfalls nach New York, wo er schließlich das Antiquariat Lathrop C. Harper übernehmen sollte.

Nach entsprechenden Anträgen ihrer Voreigentümer stand die Firma seit 1947 unter öffentlicher Verwaltung; Friedrich Hoffmann war zu ihrem interimistischen Leiter bestellt worden. Am 8. April 1949 verfügte die Rückstellungskommission endlich die Rückgabe des mittlerweile als Gilhofer KG firmierenden Unternehmens an seine ursprünglichen und rechtmäßigen Besitzer, die Nachkommen Heinrich Ranschburgs und William H. Schab.7

Erst danach kam es zu einer abschließenden Einigung zwischen Taeuber, Schab und den Erben Ranschburgs, in deren Zuge auch die Beteiligungsverhältnisse an der Gilhofer KG neu geordnet wurden. 1952 beendete der Katalog Nr. 292 (Zoologie und Botanik) die erste Folge der seit der Firmengründung zuvor durchlaufend numerierten Kataloge; die noch im selben Jahr begonnene neue Serie ist mittlerweile bei Nr. 166 (Neueingänge Sommer 2007) angelangt.

Mit dem 1958 erfolgten Eintritt Rudolf Hoffmanns (ab 1988 Alleineigentümer) konnte die Firma schließlich wieder an ihre alte Reputation anknüpfen. Durch unermüdliche Reisetätigkeit und die Erkundung neuer Einkaufsmöglichkeiten gelang es ihm, den Namen Gilhofer wieder auf dem internationalen Markt präsent zu machen und die Wiener Stellung der Firma als das „erste Haus am Platz“8 zu festigen.

Zu ihrem hundertjährigen Jubiläum war die Firma zumindest in Wien wieder Synonym für eine ganze Branche: „der – mit üblicher wienerischer Leichtigkeit aller Titel entledigte und mit einem simplen ‚der‘ geadelte – Gilhofer“9. Allein die Korrespondenz zu diesem Jubiläum füllt drei Archivordner; neben den wichtigsten Vertretern des internationalen Handels und der großen Bibliotheken stellten sich auch zahlreiche Privatsammler und langjährige Freunde des Unternehmens mit ihren Glückwünschen ein. Zu letzteren zählte der mittlerweile über achtzigjährige Otto Ranschburg, der „hochverehrte Senior der Firma“10, der seinen „lieben Freunden“ am 20. September 1983 aus New York „alle guten Wünsche und Gratulationen“ übermitteln konnte.


  1. Die Eintragung ins Register für Einzelfirmen erfolgte am 25. 9. 1883. Vgl. Gilhofer und Ranschburg. In: G. Hupfer. Zur Geschichte des antiquarischen Buchhandels in Wien. Diplomarbeit Univ. Wien 2003, S. 149–153. 
  2. Eisenstein, Jacques. Der Antiquariatsbuchhandel in Österreich und Ungarn. In: Oesterreichisch-ungarische Buchhändler Correspondenz. Festnummer anläßlich des 50jährigen Bestehens. Band I. Wien 1910. S. 62–69, hier: 67. 
  3. Taeuber, Werner. Hundert Jahre Gilhofer Wien. In: Gilhofer Buch- und Kunstantiquariat Wien. Katalog 132 (Wien 1983), S. 4–10. 
  4. Wiener Kommunal-Kalender und städtisches Jahrbuch. Wien 1912, S. 39. 
  5. Raschl, Thiemo. Zum Verkaufe der St. Pauler Gutenberg-Bibel. In: Gutenberg-Jahrbuch 6. Mainz: Verlag der Gutenberg-Gesellschaft 1931, S. 341–343. Vgl. auch Secher, H. Pierre. Emil Secher and the Rare Book Trade. In: Rare Books: Who Wants Them, Who Needs Them? University of Memphis 1997. 
  6. „Perfect copy on vellum […] The finest copy in existence, according to the International Typographical Union“ (Gutenberg Bible Census, online resource). 
  7. Schildorfer, A. und U. Simonlehner. „Arisierungen“ im Falle der Buch- und Kunstantiquariate „Gilhofer und Ranschburg“ und „Dr. Ignaz Schwarz“, S. 16. (www.murrayhall.com, Seminararbeiten WS 2001/2002). 
  8. Endler, Franz. Ein erstes Haus am Platz. Das Wiener Buch- und Kunstantiquariat Gilhofer feiert sein 100jähriges Bestehen. In: Die Presse, 1./2. Oktober 1983, Kunstszene VII. 
  9. Ebenda. 
  10. So die Anrede in dem von Hans Werner Taeuber und Rudolf Hoffmann gezeichneten Antwortschreiben vom 7. 10. 1983. Durch entsprechende Korrespondenz belegt ist auch die Mitwirkung Otto Ranschburgs an der von Taeuber zum 100jährigen Jubiläum erstellten Firmenchronik (Brief v. 13. 4. 1983).